„Liebe, […] Bewunderung. Ist das alles nur Theater?“ – Jane Gardam: Eine treue Frau

Gardam_25074_MR.indd„Eine treue Frau“ von Jane Gardam ist der zweite Band der Trilogie um Edward Feathers und seine Frau Elizabeth, genannt Betty. Während der erste Band „Ein untadeliger Mann“ ganz aus der Perspektive Eddies erzählt wurde, ist es hier Betty, deren Version der Geschichte wir lesen.

„Eine treue Frau“ setzt andere Schwerpunkte als der Vorgänger und zum Verständnis ist die Kenntnis des ersten Romans auch nicht unbedingt notwendig. Allerdings hat es einen gewissen Reiz, beide Bände kurz hintereinander zu lesen, da wir einerseits Neues erfahren und auch Jahre beleuchtet werden, die zuvor wenn überhaupt im Rückblick und in einer Art Schnelldurchlauf lediglich erwähnt wurden und Gardam hier also Leerstellen füllt. Andererseits lesen wir aber auch Szenen, die wir schon kennen, nun aus der Perspektive des anderen Beteiligten, was einen besonderen Reiz hat. Plötzlich sieht man ihm nicht mehr nur vor die Stirn und muss interpretieren bzw. vermuten, was er denkt, sondern wir erfahren, was er wirklich denkt.

Die Ehe von Eddie und Betty basiert nicht auf grenzenloser Leidenschaft, sondern auf durchaus aufrichtiger Zuneigung und Freundschaft, das wurde schon im ersten Teil deutlich. Der vorliegende Roman aber ist zumeist chronologisch, wo der Vorgänger es nicht war und beschreibt vor allem die Zeit um die Hochzeit der beiden sowie die ersten gemeinsamen Jahre. Mit Betty gelingt Jane Gardam ein weiteres Mal eine sehr lebensecht gezeichnete Figur mit Stärken und Schwächen, eine zunächst noch unsichere, dann aber doch sehr resolute Frau, die Eddie verspricht, ihn nie zu verlassen und nicht daran denkt, dieses Versprechen jemals zu brechen. Diese Haltung, dieses „Benehmen“, wie es sich gehört, das unbedingte Folgen von unumstößlichen Regeln, steht wie gehabt über allem anderen. Wenn es auch mehr darum geht, den Schein zu waren, als sich wirklich immer tadellos zu verhalten, so ist es dennoch so, dass beide Partner in dieser Ehe es zumeist versuchen – so weit der Leser es beurteilen kann.

Auch Veneering darf nicht fehlen, wie Eddie Anwalt, immer der auf der Gegenseite, verstehen sie sich ihr ganzes Leben als Rivalen. Sowohl Eddie und Betty als auch Veneering und seine Frau und sein Sohn Harry leben in Hongkong, bis die Feathers dann beschließen, im Alter nach England zurückzukehren.

„Eine treue Frau“ mag emotionaler erzählt sein als „Ein untadeliger Mann“, wozu die beschriebenen Themen aber auch einladen sowie die Gefühle, denen sich Betty ausgesetzt sieht. Auch hier sind es eher Ausschnitte aus dem Leben, die besonders beleuchtet werden, wichtige Ereignisse, die sehr zum Verständnis der Figuren beitragen. Viele Jahre aus Bettys Leben werden ausgespart, immer wieder deutet die Autorin nur an und man erfährt später oder eben gar nicht, was sich wirklich zugetragen hat. Ob sich das Bild mit dem letzten Band, in dem es um Veneering und damit Bettys eigentliche große Liebe gehen wird, dann vervollständigen wird? Die Aufteilung in drei Bände hat ihren Reiz, aber persönlich hätte ich doch lieber einen, gern auch umfangreichen, Roman gelesen, der mir alle Blickwinkel, alle Perspektiven bietet, ob nun direkt nacheinander, gleichzeitig oder unchronologisch. So bleibt man immer ein Stück außen vor, wo man gern mehr gewusst hätte. Der sehr deutlich interpretierende Titel „Eine treue Frau“ ist wie schon beim ersten Teil keine wortgetreue Übersetzung des Originaltitels, der sich ganz im Gegenteil gar nicht auf Elizabeth bezieht: „The man in the wooden hat“. Der Roman ist eine unterhaltsame, kluge Lektüre, in der auch immer wieder Humor aufblitzt. Jane Gardam erzählt die Lebensgeschichten zweier Menschen, die beieinander ein zu Hause finden und fragt immer wieder auch danach, was Glück eigentlich ist oder sein kann.

Jane Gardam: Eine treue Frau, Hanser, 2016, 272 Seiten, 21,90 Euro

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