Zufällig glücklich geworden – Deborah Feldman: Unorthodox

UnorthodoxDie Lesung mit Deborah Feldman am frühen Samstagabend findet in einer Kirche in Berlin statt. Ob es ihr als Mitglied der chassidischen Gemeinschaft der Satmarer, in der sie aufwuchs, erlaubt gewesen wäre, eine Kirche zu betreten? Vermutlich nicht, denn dort beherrschte Kontrolle alles und jeden, und es gab jede Menge Regeln, die alle Lebensbereiche betrafen.

Feldmann wurde 1986 geboren und wuchs bei ihren Großeltern in Williamsburg, Brooklyn auf. Die Satmarer sind eine Gemeinschaft aus Überlebenden des Holocaust und deren Nachkommen, die die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg als eine Art Strafe Gottes verstehen und die glauben, dass sie besonders fromm sein müssen, um zu verhindern, dass sich etwas Ähnliches wiederholt. Modernisierung in jeder Form ist verboten und Zionismus wird abgelehnt, da es den Juden nicht gestattet sei, ihr Exil selbst zu beenden.

In ihrer autobiographischen Erzählung „Unorthodox“ erzählt Feldman aus ihrem Leben. Als junges Mädchen war sie von morgens bis zum späten Nachmittag in der Schule, schließlich sollen ihre Mitschülerinnen und sie sich nicht draußen herumtreiben. Vor allem religiöses Wissen wurde ihr vermittelt (wenn sie später aus der Gemeinschaft ausgestiegen ist, wird ihr immer wieder klar werden, dass sie viele Defizite im Allgemeinwissen hat), Weltliches wird ausgeklammert. Einen Schulabschluss bekommt sie nicht –  man benötigt ihn auch nicht, schließlich werden die Mädchen jung verheiratet und sollen dann möglichst viele Kinder bekommen, um die große Zahl an ermordeten Juden im Holocaust zu „reproduzieren“. Es gibt Regeln zur Kleidung, zum Essen, zum Auftreten. Als ihre Ehe arrangiert wird und man sie auf die Hochzeit vorbereitet, lernt sie, dass sich ihr Mann ihr nur zwei Wochen im Monat nähern darf und sie in der übrigen Zeit als unrein gilt.

Wenn wir von den vielen Regeln bei den Satmarern hören, die Feldman in ihrem Buch erläutert, und zu denen sie auf der Lesung befragt wird, so tun wir das immer aus der Perspektive des Außenstehenden und sollten uns dessen bewusst sein, bevor wir über sie urteilen. Es ist eine ganz eigene Welt, und wir können hier viel lernen über eine jüdische Strömung, über die die meisten wohl nichts oder wenig wussten. Man beginnt bald, zu verstehen, wie das Leben dort funktioniert. Es sind interessante Einblicke. Feldman erzählt vor allem eine ganz persönliche Geschichte, stets setzt sie die Regeln der Satmarer zu sich selbst in Beziehung, zu ihrem Leben und ihren Erfahrungen. Man kann nicht umhin, diese junge Frau zu bewundern: Sie begann früh, das so klar vor ihr liegende Leben in Frage zu stellen, zu bemerken, dass Regeln veränderbar waren und somit nicht verlässlich. So berichtet sie zum Beispiel davon, dass ihre Tanten auf Fotos aus den 70er Jahren kürzere Röcke trugen als es ihr gestattet war und man erklärte ihr auf Nachfrage, dass die Regeln damals weniger streng waren als jetzt, was sie irritierte. Sie sehnte sich nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Früh begann sie damit, heimlich in Bibliotheken zu gehen und Bücher aus der „Außenwelt“ zu lesen, die selbstverständlich ebenfalls verboten waren.

„Bildung, sagen sie, führt zu nichts Gutem. Und zwar, weil Bildung – und das College – der erste Schritt heraus aus Williamsburg ist, der erste Richtung Pritzus, Freizügigkeit, von der Zeidi mir immer wieder versicherte, sie sei ein endloser Kreislauf von Fehltritten, der einen Juden so weit von Gott entfernt, das er die Seele in ein geistiges Koma versetzt.“ […] Kann man den Ort, dem man entstammt, je wirklich verlassen? Ist es nicht am besten, zu bleiben, wohin man gehört, besser, als einen Versuch zu riskieren, sich woanders einzugliedern und dabei zu scheitern“? S. 102

Die Einhaltung der Regeln wird bei den Satmarern streng überwacht. Feldman schreibt in ihrem Buch immer wieder darüber, dass es kaum Privatsphäre gibt, auch, als es um Sexualität in ihrer Ehe geht. Auf der anderen Seite gibt die Gemeinschaft aber auch Schutz. Auf die Frage, ob das Gefühl der Geborgenheit oder der Einsamkeit überwogen habe, antwortet Feldman, bei anderen sei es womöglich Geborgenheit, bei ihr aber immer die Einsamkeit gewesen.

Deborah Feldmans „Unorthodox“ ist der kluge Lebensbericht einer starken, jungen Frau, die schon früh die Ambivalenz dessen wahrgenommen hat, was um sie herum geschieht und dies auch schlüssig für ihre Leser zu vermitteln weiß. Und die früh das Gefühl hatte, an einem Ort zu sein, an den sie nicht gehörte. Feldman analysiert klug und klagt nicht an, es geht nicht darum, zu richten, sie nimmt stets etwas Abstand zum Geschehen, das sie beschreibt. Auch geht es nicht um eine Abkehr vom Glauben. Das Buch überzeugt vor allem auf der persönlichen Ebene, sprachlich ist der Bericht klar und ohne Finessen, die es aber auch nicht benötigt.

Feldman lebt inzwischen mit ihrem Sohn in Berlin und spricht gut deutsch. Das Publikum erlebt sie als sehr präsent und sympathisch, man hört ihr gern und gebannt zu. Am Ende der Lesung wird sie gefragt, ob es in ihrer Gemeinschaft denn auch Frauen gebe, die dort glücklich seien. Feldman erzählt, dass sie in Deutschland immer wieder gefragt werde, ob sie glücklich sei und dass sie diese Frage zunächst überrascht habe, sie sei mit dem „Konzept Glück“ nicht aufgewachsen, Glück sei nichts, das bei den Satmarern angestrebt werde. Am Ende, in Berlin, in ihrem neuen Leben, sei sie „zufällig glücklich geworden“. Sie lächelt und das Publikum applaudiert befreit und geht mit einem positiven Gefühl in den lauen Sommerabend.

Deborah Feldman: Unorthodox, Secession Verlag für Literatur, 2016, 319 Seiten, 22 Euro

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9 Antworten zu Zufällig glücklich geworden – Deborah Feldman: Unorthodox

  1. dj7o9 schreibt:

    Sehr spannend, habe noch nie von dieser Glaubensgemeinschaft gehört. Hast mich wirklich neugierig gemacht. Liebe Grüße 🙂

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  2. thursdaynext schreibt:

    Traurig, erst kürzlich las ich von einer jungen Frau die sich völlig von der j.-orthodoxen Religion und allen anderen, abgewandt hat , jetzt frei ist, den Kontakt zu ihrer Familie aber dafür verlor. Bei mir überwiegt das Gefühl, dass – egal welche Religion- der Preis für die jeweilige Gemeinschaft und den Zusammenhalt doch oft auf Abgrenzung hinausläuft und Engstirnigkeit bewirkt.Umso beachtens- und bewundernswert, wenn es jemand schafft sich freizumachen. Schöner Bericht von dir! Liebe Grüße thurs

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    • letteratura schreibt:

      Danke! Ich denke einfach, es ist immer auch möglich, dass diese Lebensform für den ein oder anderen die richtige ist, und dass man das von außen eigentlich nicht beurteilen kann. Hier war es auf jeden Fall so, dass die Autorin sich schon von klein auf fremd gefühlt hat. Und es war wohl auch sehr schwer, wirklich den Schritt heraus zu machen, weil das ja auch mit vielen Ängsten verbunden ist. Umso schöner fand ich es, zu sehen, wie viel Selbstbewusstsein und Stärke sie auf der Lesung ausgestrahlt hat.

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  3. thursdaynext schreibt:

    „Zufällig glücklich“ wunderbar😊

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  4. Bri schreibt:

    Da ich das Buch selbst ja noch lesen will – hab ich nur überflogen 😉 Kennst Das ja 😉 Ich kann nur den Roman Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris emfpehlen -bei diogenes erschienen – zur weiteren Lekütre.

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