Der Unmöglich Hohe Anspruch – Niall Williams: Die Geschichte des Regens

Geschichte des RegensDie 19-jährige Ruth Swain ist schwer krank, und so hütet sie das Bett in ihrem Zimmer in der kleinen irischen Stadt Faha und erzählt die Geschichte ihrer Familie. Sie holt dabei aus und beginnt weit vor ihrer Zeit. Ruth erzählt weiter und weiter, darüber, wie sich später ihre Eltern kennen lernten, wie ihr Zwillingsbruder Aeney und sie schließlich zur Welt kamen und darüber, was für ein besonderer Mann ihr Vater war. Denn er ist nicht mehr da, das erfährt der Leser gleich zu Beginn des Romans. Seiner Tochter hat er seine Bücher hinterlassen: eine Bibliothek von fast 4000 Büchern, durch die Ruth sich seit Jahren liest, immer auf der Suche nach etwas, das ihr Vater ihr womöglich noch hatte sagen wollen.

„Die Geschichte des Regens“ von Niall Williams ist die Geschichte einer irischen Familie über viele Jahre hinweg. Dabei geht es auch um die Eigenarten des irischen Volks, das versucht, sich von den Engländern abzugrenzen und Eigenständigkeit zu beweisen. Ihre eigene Familie bezeichnet Ruth als merkwürdig – und meint sich auch selbst damit:

„Da sehen Sie mich: neunzehn, schmales Gesicht, MacCaroll-Augen, dünne Lippen, stumpfes, haselnussbraunes Haar, fettige Swain-Haut, blässliches, unbräunbar sonderbares Etwas, knochig, bücherverliebt, mit fünfzehn schon Leserin so vieler viktorianischer Romane, dass ich punktgenau neunmalklug wurde, befallen vom akuten Schlaubergersyndrom, Besitzerin starker Meinung und guter Noten, Adeptin lupenreinen Englischs, Studienanfängerin am Trinity College in Dublin, die Tochter eines Dichters.“ S. 12

Ruth kokettiert nicht. Und ja, sie spricht den Leser immer wieder direkt an – das ist Geschmackssache. Und sie ist naseweiß, ein bisschen altklug, aber sie ist sich dessen bewusst. Chronologisch springt sie hin und her, bricht ab, um erstmal an anderer Stelle weiter zu erzählen, kommt aber zurück, behält die Fäden sicher in der Hand. Sie schafft wunderbare Bilder und Beschreibungen. Ruth hat auch ihre „schriftstellerischen Eigenheiten“ (von ihrer Lehrerin kritisiert), wie zu Beispiel das Großschreiben von Wörtern, um diese zu betonen, doch sie denkt immer an ihre Leser, wenn sie schreibt. Williams schafft es, dass mich diese Erzählerin nie nervt mit ihrem Wissen, wenn sie zum Beispiel immer wieder auf Buchtitel aus ihrer riesigen Bibliothek hinweist oder mich auch schon mal direkt auffordert, hier abzubrechen und erstmal „Große Erwartungen“ zu lesen: Dickens sei der Größte. So ist der Roman auch einer über Bücher, über die Liebe zum Lesen und zum Schreiben. Eine Liebe, die für Ruth untrennbar mit ihrem Vater Virgil Swain verbunden ist.

Ruths Geschichte ist an vielen Stellen traurig, erzählt immer wieder vom Scheitern. Der Unmöglich Hohe Anspruch lastet seit jeher auf der Familie Swain, ein Anspruch, der wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebt, und dem sie versuchen, gerecht zu werden. Aber der Erzählton von Williams’ Erzählerin ist positiv, die Liebe zum Leben ist Ruth stets anzumerken und herauszulesen, trotz der Nähe zum Tod durch die eigene schwere Krankheit und dem, was sie in jungen Jahren schon aushalten musste. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass Ruth ihre Geschichte immer wieder wie einen Roman erzählt, sich Freiheiten nimmt, zuweilen Distanz zum Geschehen aufbaut. Sie verfügt über einen feinen Humor, der manchmal nur ganz leise aufblitzt. So ist „Die Geschichte des Regens“ trotz aller Tragik nicht deprimierend – aber berührend.

„… obwohl er neue Kleider gebraucht hätte, obwohl sich sein Modegeschmack hin zu Hochwasserhosen, Verschiedenen Socken, dem Flicken- und dem Knopflos-Look entwickelte, wurde Mam zu seiner Komplizin und schenkte ihm zu Geburtstag zu Weihnachten keine Kleider, sondern Bücher. Es entsprach ihrer Art zu lieben.“ S. 302

Was es auch genau sein mag – für die Leserin hat Niall Williams mit seinem Roman ins Schwarze getroffen. Die von ihm gewählte Erzählsituation hätte nach hinten losgehen können, für mich passt sie ganz wunderbar. Der Roman ist voll: Mit der Liebe zur Literatur, der Liebe zur Familie, tragisch und komisch gleichermaßen. Williams schafft es, Stimmungen zu erzeugen: Das verregnete Irland ersteht schon nach wenigen Seiten vor den Augen des Lesers, als wäre es immer da gewesen.

Niall Williams: Die Geschichte des Regens, DVA Verlag, 2015, 414 Seiten, 22,99 Euro

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Feiner reiner Buchstoff.

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