Liebesreigen – Margriet de Moor: Mélodie d’amour

melodie_d_amour„Liebeskummer ist eine Krankheit, der Mensch des Mittelalters erkannte das an. Noch bis in unser aufgeklärtes siebzehntes Jahrhundert hinein lautete die medizinische Diagnose dieses Leidens: eine der schlimmsten Furien für Körper und Geist.“ S. 229

Liebeskummer ist etwas, das die Figuren in Margriet de Moors Roman „Mélodie d’amour“ nur zu gut kennen. Er begegnet ihnen in verschiedenen Lebenslagen und in unterschiedlichem Alter. Der Roman ist in vier große Abschnitte gegliedert, in denen vier Geschichten erzählt werden, miteinander verbunden, aber doch für sich stehend.

Zunächst einmal ist da Gustaaf, der seine Frau einst betrog und mit der anderen ein Kind bekam. Von Atie ist er längst geschieden, liebt sie aber immer noch, auch jetzt, da sie gestorben ist. Er nimmt auf seine persönliche Weise von ihr Abschied. Gustaaf und Atie haben vier Söhne, der jüngste von ihnen, Luuk, ist mit Myrte verheiratet, hat aber immer wieder Affären. Eine davon, Cindy, begleiten wir im zweiten Teil des Romans: Sie liebt Luuk verzweifelt und kann nicht anerkennen, dass ihre gemeinsame Zeit vorbei ist, dass Luuk ihre Gefühle nicht erwidert. Eine zweite Geliebte Luuks schließlich ist Rosalynde. Sie verlor früh ihre Eltern und hatte daraufhin eine sehr enge Beziehung zu ihrem älteren Bruder, auch er inzwischen tot. Sie kann ihn nicht loslassen. Und Myrte? Sie ist Luuks Ehefrau, duldet seine Affären und ist doch selbst gefangen in ihrer eigenen Erinnerung an eine andere Liebe.

Margriet de Moor hat einen speziellen Erzählstil: Ihre Sprache ist einerseits einfach und recht schnörkellos, da ist nichts blumig oder verbirgt sich hinter Bildern und Metaphern. Ihre Geschichten, die Qualen, die ihre Protagonisten zum Teil durchmachen, wirken somit dadurch, dass einfach alles geradeaus ausgesprochen wird – und andererseits auch wieder nicht. Viel deuten ihre Protagonisten nur an – drei der vier Episoden werden von der Figur, um die es jeweils geht, selbst erzählt und interessanterweise sind es dabei nur die Frauen, die in der Ich-Perspektive berichten. Die Auslassungen muss der Leser also selbst füllen, oft deutet die Autorin nur an. Der Roman lebt – auch – von diesen Auslassungen. Luuk selbst übrigens, der der Bezugspunkt aller Geschichten ist, bleibt stets eine Nebenfigur, nie steht er selbst im Mittelpunkt.

„Frauen sind frei, Männer sind auf der Hut.“ S. 278

„Mélodie d’amour“ besteht also aus Episoden, aus Auszügen aus den Leben seiner Protagonisten. Es geht um die Liebe in den verschiedenen Varianten, um Eifersucht und Betrug, darum, wie sie den Menschen prägen kann oder gefangen hält, wenn er nicht loslassen kann. Im dritten Teil ist es nicht nur die romantische Liebe, von der wir lesen, wenn es um Rosalynde und ihren Bruder geht, um dessen erste Liebe auch, die nicht gut ausging. De Moor richtet nicht über ihre Figuren, sie wertet nicht, was diese tun, sie zeigt sie mit all ihren Schwächen und Fehlern. Und auch wenn Moral im Roman natürlich immer ein Thema ist, das mitschwingt, so überlässt sie es doch dem Leser, zu urteilen.

Man muss de Moors Stil mögen, um diesen Roman gern zu lesen, denn man hat oft das Gefühl, dass man nicht richtig herankommt an die Geschichte, an ihre Figuren. Trotz der Distanz trifft einen der Roman, wenn man ihn lässt, weil er nur scheinbar unspektakulär von dem erzählt, was Menschen bewegt, wogegen sie kämpfen, was sie sich wünschen oder was sie ins Straucheln bringt. „Mélodie d’amour“ ist der unaufgeregte Roman einer großen Erzählerin, in dem sich jeder auf die eine oder andere Art wieder finden kann.

Margriet de Moor: Mélodie d’amour, dtv Taschenbuch, 2015, 384 Seiten, 9,90 Euro

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