Stigmata – Rosa Ribas und Sabine Hofmann: Die große Kälte

ribas_978-3-463-40361-8.inddBarcelona, 1956: Ana Martí ist Journalistin und wird von Barcelona aus in ein abgelegenes Dorf geschickt, da dort bei einem jungen Mädchen Stigmata, die Wundmale Jesu, aufgetaucht sein sollen. Ana ist skeptisch, an ein Wunder glaubt sie nicht. Im Dorf allerdings trifft sie erst einmal auf Schweigen: Der Frau aus der Großstadt möchte man zunächst ungern Auskunft geben und Ana muss das Vertrauen der Dorfbewohner erst einmal gewinnen. Sie kommt in einer Pension bei der Witwe Aurelia unter, die nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Tochter verloren hat. Diese war ungefähr so alt wie Isabel, das Mädchen mit den Stigmata. Sollte es einen Zusammenhang geben? Es dauert, bis Ana Isabel endlich besuchen darf und der Lösung um das Rätsel der Wunden des Mädchens schließlich näher kommt. Ungewöhnlich niedrige Temperaturen und anhaltender Schneefall führen schließlich dazu, dass Ana festsitzt und letztendlich selbst in Gefahr gerät.

„Die große Kälte“ der beiden Autorinnen Rosa Ribas und Sabine Hofmann ist der zweite Teil einer Reihe um die Journalistin Ana Martí. Beide schreiben Teile der Geschichte in ihrer Muttersprache und jede übersetzt dann aus der anderen Sprache in die eigene, so dass dann eine spanische und eine deutsche Version vorliegen.

Schon der erste Teil „Das Flüstern der Stadt“ war eine atmosphärische Kriminalgeschichte, die von ihren Charakteren lebte und sich Zeit nahm, diese zunächst vorzustellen und dann nach und nach die gelegten Fährten zu verfolgen und das Rätsel letztendlich zu lösen. Nun hatte das erste Buch aber auch ca. 200 Seiten mehr Umfang, der unter anderem dafür genutzt wurde, in die Geschichte einzuführen und mehr Handlungsstränge einzubinden. „Die große Kälte“ konzentriert sich im Gegensatz dazu sehr auf Ana und ihre Recherchen, auf das Leben im Dorf, ihre Beobachtungen und den Fall und ist in dieser Hinsicht eher fokussiert. Es ist natürlich Geschmackssache, ob man den Roman vorzieht, der öfter mal zur Seite blickt, bei dem man beim Lösen spezieller Probleme dabei ist (in „Das Flüstern der Stadt“ war es die Sprachwissenschaftlerin Beatriz, deren Arbeit der Leser genau verfolgen konnte) und der sich auch auf Nebenschauplätze begibt. Oder ob man den neuen, zielstrebiger erzählten Fall bevorzugt.

Wenn ich einen Krimi lese, dann interessieren mich vor allem zwei Dinge: Zunächst einmal die Menschen und ihre Befindlichkeiten, ihre Gefühle, die am Ende dazu führen können, dass sie einen Mord begehen. Ihre Beziehungen. Und zweitens mag ich es, den Ermittlern beim Lösen des Rätsels zuzuschauen, beim Folgen der Fährten, auch der falschen, beim Ausknobeln. Ich mag es außerdem, wenn Ermittler ein Privatleben haben und echte Menschen sind, nicht nur Kommissare oder andere Ermittler, die nur aus dieser einen Eigenschaft zu bestehen scheinen. Ein guter Krimi soll mehr sein als sein Kriminalfall.

Nichts davon spricht gegen „Die große Kälte“. Der Roman ist unterhaltsam, die Protagonistin sympathisch, die Lösung des Falls ist aber nicht eben besonders überraschend oder innovativ, insgesamt ist der Krimi eher solide. Die Abgeschnittenheit von der Außenwelt etwa ist ein Motiv, das zwar Spannung erzeugt, neu ist es natürlich ganz und gar nicht. Leider spielen Anas Cousine Beatriz und ihre linguistischen Kenntnisse hier nur eine geringe bzw. gar keine Rolle. Das Franco-Regime, das herrscht, bringt sich nur dann in Erinnerung, wenn es darum geht, was Ana schreiben darf und was nicht. Es gibt nur einen Handlungsstrang. Leider fehlen bei „Die große Kälte“ all jene Attribute, die mich bei „Das Flüstern der Stadt“ so begeistert haben. Hoffentlich darf Beatriz im dritten Band der Serie wieder mitermitteln, hoffentlich gibt es dort wieder mehrere Handlungsfäden. „Die große Kälte“ ist ein solider, durchaus atmosphärischer  Krimi ohne allzu große Überraschungen, reicht an seinen Vorgänger aber leider nicht heran.

Rosa Ribas & Susanne Hofmann: Die große Kälte, Kindler bei Rowohlt, 2016, 331 Seiten, 19,95 Euro

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