Das Leben der Anderen – Neel Mukherjee: In anderen Herzen

MukherjeeEin Familienstammbaum vorn im Buch verrät dem Leser neben den Namen und den Verwandtschaftsverhältnissen gleich zweierlei Bemerkenswertes. In der zweiten Generation dieser Familie gibt es fünf Nachkommen, doch die einzige Tochter der Familie, Chhaya, ist alleinstehend, während ihre Brüder allesamt geheiratet und Kinder bekommen haben. Und der jüngste Sohn, Somnath, genannt Somu, starb jung mit nur 24 Jahren. Man ahnt, beides ist bedeutsam, warum es aber so ist, das erfährt man erst im Verlauf des großartigen Romans „In anderen Herzen“ von Neel Mukherjee. Wobei der Titel Assoziationen schafft, die dem Roman nicht gerecht werden: Wörtlich übersetzen konnte (oder wollte) man den Originaltitel „The Lives of Others“ nicht, vermutlich, da er hierzulande bereits anderweitig besetzt ist, dennoch schwingt dem deutschen Titel des Romans ein leichter, romantisierender, ein vielleicht auch verharmlosender Ton mit, der ihm keinesfalls gerecht wird und der anspruchsvollere Leser abschrecken könnte, aber nicht sollte.

Die Geschichte der in Kalkutta lebenden Familie Gosh, die der gehobenen Mittelschicht angehört und die Besitzer einer gut gehenden Papierfabrik ist, entblättert sich zunächst langsam vor dem Leser: Erst einmal sind es eher Schlaglichter, die geworfen werden, wir werden Zeuge einer Episode hier, eines Streits dort, werden chronologisch hin- und zurückgeführt, lernen nur zögerlich die Familienmitglieder kennen – gerade zu Beginn ist der Stammbaum der Familie beim Lesen sehr hilfreich. Während man das ganze, pralle Universum der Geschichte also nur zaghaft betritt, zieht es einen, je vollständiger das Bild wird, aber umso mehr hinein, und wir lernen, wie dieser Familienkosmos funktioniert. Jeder der Söhne, jede ihrer Frauen hat ihre Funktion in dieser Familie, die älteste Schwiegertochter etwa hat die wichtigsten Aufgaben, muss sich um viel kümmern, umso mehr als Charubala, die Hausherrin, und auch Prafullanath, der Patriarch, Ende der 60er-Jahre, als der Roman beginnt, schon nicht mehr so richtig mithalten können. Chhaya, die Tochter, für die sich kein Mann gefunden hat, da sie „dunkel und hässlich“ ist und außerdem schielt, ist verbittert und missgünstig. Und warum muss die junge Purba, Witwe des jüngsten Sohnes Somnath, mit ihren beiden Kindern allein in einem Zimmer wie eine Dienstmagd wohnen? Nach und nach bekommt der Leser auf diese Frage Antworten.

Zwischen den Kapiteln, die sich in großen Teilen im Haus der Familie in Kalkutta abspielen, lesen wir aus dem Tagebuch Supratiks, des ältesten Enkels der Familie, der eines Tages plötzlich die Familie verließ, um sich den Naxaliten anzuschließen, einer maoistischen Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, gegen die bestehenden Ungerechtigkeiten im Land zu kämpfen. Gegen die gierigen Großgrundbesitzer etwa, die den kleinen Bauern mit Tricks und Betrug auch noch das letzte nehmen, was diese haben. Supratik und seine Freunde schrecken auch vor Gewalt nicht zurück, und vor Selbstgerechtigkeit sind sie auch gegen die kleinsten Widersprüchlichkeiten in ihrem Handeln immun, immer überzeugt, dass ihr Weg der einzig richtige ist.

Die Goshs und ihre Papierdynastie stehen vor Herausforderungen, sie gehörten immer zu denen, die sich um Geld keine Sorgen machen mussten, aber auch sie müssen nun bemerken, dass die kleinen Leute, das Personal, sich nicht mehr so leicht ausnutzen lässt. Es sind schwere Zeiten für sie, der Fortgang der Fabriken ist in Gefahr. Und sie sind Teil des Systems, gegen das Supratik sich so auflehnt.

In dieser Familie, in diesem Milieu und zu dieser Zeit (wobei sich natürlich die Frage stellt, ob sich seitdem wirklich Grundlegendes geändert hat) gilt der gute Ruf der Familie als das Wichtigste, was diese überhaupt hat und was es somit aufs Äußerste zu verteidigen gilt. Die Kinder müssen vor allem gut verheiratet werden, in eine ehrbare Familie, die der richtigen Schicht und Kaste anzugehören hat. Jegliche Abweichungen von dem, was sich gehört, müssen verhindert und im Keim erstickt werden, und wo doch einmal gegen die Regeln verstoßen wird, muss dies mit aller Macht vertuscht, die Ehre hochgehalten werden. Und selbstverständlich wird in der Straße und in der Stadt geredet, geklatscht und getratscht, über jeden und alles, und am liebsten über Verfehlungen anderer.

Neel Mukherjee schreibt stilistisch auf höchstem Niveau, seine Sätze sind oft verschachtelt und holen aus, trotzdem steht jedes Wort an seinem Platz, keines ist zu viel. Er spricht alles aus, grausam, rau und unverschleiert, immer wieder legt er den Finger genau in die Wunde. So charakterisiert er seine Figuren sehr genau, er analysiert, er seziert sie bis aufs Kleinste, immer mit Distanz zu ihnen, so dass man das komplette Bild vor Augen hat und versteht, was ihnen vorgeht. Sie sind keine Sympathieträger, niemand von ihnen oder doch fast niemand taugt wirklich als Identifikationsfigur für den Leser, weil wir sie so gut sehen können, ihre Selbstgerechtigkeit, ihre Missgunst, ihr Kalkül immer genau vor Augen haben. Hier denkt jeder als erstes an sich. Menschlich, ja. Liebenswert? Eher nicht. Wir sehen das Porträt einer dysfunktionalen Familie. Wir wollten kein Teil von ihr sein, auch wenn der Autor ihre Beweggründe stets nachvollziehbar macht und sie lediglich das Ergebnis dessen zu sein scheinen, was sie von klein auf gelernt haben.

Neel Mukherjee hat mit „In anderen Herzen“ einen großartigen Roman geschrieben, der diese Gesellschaft und ihre Regeln aufs Genaueste zum Leben erweckt und für den Leser erfahrbar macht. Ansehen und Ehre sind das Wichtigste, Männer und Frauen haben die ihnen zugeteilten Aufgaben und Veränderung ist schwierig und kommt nur schwer in Gang, ob nun in der Familie oder in der Gesellschaft. An den Goshs zeigt uns Mukherjee einen ganzen Kosmos und seine Regeln. „In anderen Herzen“ ist kein Wohlfühlbuch, keines, in dem man Gerechtigkeit erwarten könnte oder in dem man mit einer Identifikationsfigur mitfiebert. „In anderen Herzen“ oder eben „Das Leben der Anderen“, das ja immer so genau beäugt und beurteilt wird, ist ein literarisches Meisterwerk und stand völlig zu Recht auf der Shortlist des Man Booker Prize 2014.

Neel Mukherjee: In anderen Herzen, Antje Kunstmann Verlag, 2016, 640 Seiten, 26 Euro

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5 Antworten zu Das Leben der Anderen – Neel Mukherjee: In anderen Herzen

  1. Marion schreibt:

    Da fanden wir wieder das gleiche Buch gut. Ich hab es wirklich sehr gerne gelesen, auch wenn es sich manchmal etwas sträubt. Irgendwann kommt auch noch meine Besprechung dazu…

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Ja, ich finde literarisch ist nichts daran auszusetzen. „Sich sträubt“, ja, könnte man sagen, aber das stört nicht weiter. Ich könnte es mir auch gut als Film vorstellen. Bin gespannt auf Deine Besprechung!

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  2. Pingback: Neel Mukherjee: In anderen Herzen – schiefgelesen.net

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