Am Ende eines Lebens – Sebastian Barry: Mein fernes, fremdes Land

Barry„Wie klingt es, wenn einer Neunundachtzigjährigen das Herz bricht?“ S. 11

Sebastian Barrys Roman „Mein fernes, fremdes Land“ beginnt mit dieser Frage, gestellt von Lily Bere, die uns ihre Lebensgeschichte erzählt. Jung floh sie aus Irland in die USA, ließ ihren Vater und ihre Schwestern zurück, schon damals in dem Wissen, dass sie sie vielleicht nie wieder sehen würde. Nun, hochbetagt, liegt ein bewegtes Leben hinter ihr, ein Leben voller Verlust und Schmerz. Mehr als einmal hat sie von vorn anfangen müssen. Nie hat sie aufgegeben.

Nun aber mag sie nicht mehr. Ihr Enkel Bill ist tot, und ohne ihn möchte sie nicht mehr leben. Ihre Lebensgeschichte, die sie nun aufschreibt, ist so etwas wie ihr Vermächtnis, das sie hinterlassen möchte, bevor sie sich das Leben nehmen will. Sie zählt die Tage und es gibt nur eine Zeitrechnung, in der ihr das möglich ist: Es sind die Tage ohne Bill, die sie zählt, und jeder einzelne scheint einer zu viel zu sein.

Einige Bekannte, Freunde, sind ihr geblieben, die nach ihr sehen, sich kümmern. Lily hat Stolz, hat gelernt, stark zu sein und kommt gut zurecht.

„Ich saß ganz still da. Ich wollte vor ihm nicht in Tränen ausbrechen. Tränen sind ehrlicher, wenn man sie allein vergießt.“ S. 24

Man könnte meinen, es seien zu viele der Schicksalsschläge, die Lily widerfahren sind im Laufe ihres Lebens (und die hier nicht verraten werden sollen). Dass der Autor es übertrieben hätte, Betroffenheit auslösen wollte, um jeden Preis. Durch die so lebendige, so treffende Charakterisierung seiner Heldin bleibt übertriebene Rührung aus. Lily legt Zeugnis ab, und zwar offen und ehrlich, auch sich selbst gegenüber. Sie kennt kein Selbstmitleid. Wenn sie Groll hegt, der ihrer Meinung nach falsch ist, einfach, weil sich das nicht gehört, dann bekennt sie dies. Hier spricht eine kluge Frau voller Lebensweisheit, ohne sich auf ein Podest zu stellen.

Zwei Gründe, warum ich „Mein fernes, fremdes Land“ so gern gelesen habe: Einerseits ist es die wunderbare Sprache Sebastian Barrys, in der jedes Wort genau da steht, wo es hingehört, und die Lily so treffend charakterisiert. Und andererseits ist es diese liebenswerte Protagonistin, die immer wieder auch zwischen den Zeilen zu sagen scheint, dass man harte Schläge verkraften kann, dass man nicht aufgeben darf, dass es immer auch Schönes gibt in allem Leid. Dass sie zufrieden auf ein Leben zurückblicken kann, das nicht so verlief, wie sie es sich sicherlich gewünscht und erträumt hatte und dankbar für die guten Dinge sein kann, auch wenn am Ende das Herz der alten Dame dann doch endgültig zerbrochen zu sein scheint und sie nicht mehr weitermachen möchte, bei aller Stärke, zu der sie fähig war. Wie Barry es schafft, seine Geschichte immer voller Wärme, Gefühl und Optimismus zu erzählen und eine zu großen Teilen positive Grundstimmung schafft, das macht „Mein fernes, fremdes Land“ zu einer wunderbaren Lektüre.

Sebastian Barry: Mein fernes, fremdes Land, dtv Taschenbuch, 2014, 320 Seiten, 9,90 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Am Ende eines Lebens – Sebastian Barry: Mein fernes, fremdes Land

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Weder von Autorin noch vom Buch bislang was gehört – was Du schreibst, klingt gut. Danke – das schaue ich mir näher an!

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s