Nach ihrem Tod – Michael Schneier: Ein zweites Leben

SchneiderFabian Fohrbeck, Kulturwissenschaftler in seinen 60ern, hat vor ein paar Monaten seine Frau verloren und begibt sich in eine psychosomatische Klinik, um mit seiner Trauer besser zurechtzukommen und einen Weg zurück ins Leben zu finden. Ein guter Freund hat ihm den Platz dort verschafft. Seine Mitpatienten sind meist überfordert mit ihrem täglichen Leben, gestresst und abgekämpft. In der Klinik gehen die Uhren langsamer. Als Fabian nach einigen Wochen wieder zurück an die Universität geht, sieht er sich mit Kürzungsplänen konfrontiert und fürchtet sogar, dass seine Stelle gestrichen werden könnte. Er beschließt, ein Symposium zum Thema Zeitmanagement ins Leben zu rufen.

„Ein zweites Leben“ von Michael Schneider beschreibt den Weg Fabians zurück aus seiner Trauer ins Leben, zunächst hauptsächlich auf einer sehr persönlichen Ebene. Hier erfahren wir viel über die Beziehung zu seiner Frau, was sie ihm bedeutet hat, wie die Rollenverteilung in ihrer Ehe aussah. Später dann verschiebt sich der Schwerpunkt, eine andere Frau beginnt ihn zu interessieren, aber auch die Frage nach einem effizienten Leben in unserer Zeit, bei dem möglichst viel in möglichst kurzer Zeit erreicht werden soll oder muss, rückt mehr und mehr ins Zentrum des Romans. So gibt es zwischen der Zeit in der Klinik und der danach einen Bruch, der vielleicht nur logisch ist, weil die Welt Fabian zurück hat, er in ihr bestehen muss und auch bestehen will. Doch diesen anderen Weg, den der Roman hier nimmt, empfindet man beim Lesen deutlich als Einschnitt, der ihn in zwei Teile teilt.

Schneiders Sprache ist oft ein wenig behäbig, altmodisch, vielleicht passend zu diesem älteren Intellektuellen, aus dessen Sicht der Roman ja auch komplett erzählt wird. Fohrbeck analysiert sich und sein Verhalten permanent, reflektiert sein Handeln, auch das Emotionale wird stets rationalisiert. Ein wenig störend ist dabei, dass der Ich-Erzähler immer eine Erklärung, eine Rechtfertigung parat hat, wenn er eigentlich mal nicht ganz so gut dasteht in bestimmten Situationen. Ein wenig selbstgerecht ist er, obwohl Fohrbeck ansonsten eine sympathische Figur ist. Vor allem betrifft das die neue Frau, die er kennenlernt und mit der er schnell eine neue Beziehung eingeht, zu schnell, wie man feststellen muss, da beide ihre Vergangenheit nicht einfach abstreifen können und Fabian wohl auch einfach noch nicht bereit ist. Davon abgesehen haben wir es hier natürlich mit einem Klischee zu tun: Ein älterer Mann verliert seine Ehefrau, wird an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert und sucht sich eine deutlich Jüngere: Dass es erstens wirklich immer wieder so passiert und zweitens im Roman auch deutlich als eben dieses Klischee benannt wird, hilft nicht darüber hinweg, dass dieser Handlungsverlauf wenig überraschend, informativ oder unterhaltsam ist. So kommt man sich denn auch beim Lesen der E-Mails, die sich die beiden schreiben, immer ein bisschen vor wie jemand, für dessen Augen diese Mails eigentlich gar nicht gedacht sind.

Die längeren Exkurse zu wirtschaftlichen, zu gesellschaftspolitischen Themen geraten zu isoliert, diese Zweiteilung in die private, persönliche Geschichte des Protagonisten und den Strang, der letztendlich im Symposium zum Thema Zeitmanagement endet, lässt den Roman spätestens hier auseinanderfallen. Weniger wäre mehr gewesen.

Leicht fällt es daher nicht, den Roman abschließend einzuordnen und zu bewerten. Gerade die erste Hälfte, als Fohrbeck sich in der Klinik befindet, gefiel mir recht gut, hier gab es lebendige Protagonisten, nachvollziehbare Geschichten und im Rahmen der Einzeltherapie Fohrbecks auch eine schöne zweite Bedeutung des Romantitels „Ein zweites Leben“, der sich nicht nur auf Fohrbecks Leben ohne seine Frau bezieht. Später allerdings wird die Geschichte weniger glaubwürdig und ein wenig fad und uninspiriert, die Exkurse zu anderen Themen geraten zu lang. Für mich ein zwiespältiges Buch, das vermutlich auch nur einen eher kleineren Lesekreis anspricht, der Freude sowohl am Leben des intellektuellen Protagonisten als auch an den intensiven, manchmal etwas trockenen Ausführungen zu gesellschaftlichen Themen hat.

Michael Schneider: Ein zweites Leben, Kiepenheuer & Witsch 2016, 560 Seiten, 24,99 Euro

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2 Antworten zu Nach ihrem Tod – Michael Schneier: Ein zweites Leben

  1. Claudia schreibt:

    Da bist Du ja auch eine von den wenigen Lesern des „Zweiten Lebens“. Das liegt hier auf dem grauen Sofa auch schon fertig gelesen und wartet noch auf seinen Blogbeitrag.
    Und ich stimme Dir zu: die Sprache ist wirklich oft sehr behäbig und altmodisch. Ob dies wirklich und überzeugend die Sprache eines etwas über sechzigjährigen Professors, der ja auch Autor ist, repräsentiert, das weiß ich nicht. Vielleicht mehr eines mindestens achtzigjährigen… Also, mit der Sprache habe ich auch so meine Mühe gehabt.
    Aber der zweite Teil des Romans, die Nöte der kulturwissenschaftlichen Fakultäten, die auch gezwungen sind, Drittmittel einzutreiben, obwohl ja kulturwissenschaftliche Forschungsergebnisse kaum einen wirtschaftlichen Wert haben, der hat mir auch gut gefallen. Die Verknüpfung der beiden Welten, der Klinik, der Uni, durch dasThema des Umgangs mit der Zeit, durch das Thema Effektivität, der kritischer Blick also auf das, was unsere Gesellschaft ausmacht – und auch erschüttert – das hat mir schon gut gefallen. Aber sicherlich ist dieser Roman wirklich kein Roman für die große Masse.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ja, Du magst Recht haben, vielleicht ist er für die Sprache doch noch zu jung. Ich fand es schwierig, das Gelesene einzuordnen, und je weiter ich im Roman fortschritt, umso weniger wusste ich, ob er mir gefällt oder nicht. Im Prinzip interessiert mich auch die ganze Uni-Thematik, ich glaube, mir war das einfach nicht überzeugend genug eingebunden. Im Nachhinein kann ich aber sagen, dass ich das Buch nicht ungern gelesen habe, obwohl es vielleicht so klingt. Und es stimmt, auch mir sind bisher nicht viele Leser des Romans begegnet. Danke für Deinen Kommentar und ich bin gespannt auf Deine Besprechung! Viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

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