Der verschwundene Vater – Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

ZedernSamir ist der Sohn von libanesischen Flüchtlingen. Seine Eltern kamen 1982 nach Deutschland, Samir und seine Schwester Alina wurden hier geboren. Hakim, ein guter Freund von Samirs Vater Brahim, begleitete Samirs Eltern und mit seiner Tochter Yasmin. Sie blieben Nachbarn und Freunde.

Samirs behütete Kindheit in einem Viertel, in dem auch viele andere Einwanderer leben, erfährt einen tiefen Einschnitt, als sein von ihm über alles geliebter Vater eines Tages spurlos verschwindet. Nach einiger Zeit ist klar, dass er nicht zurückkehren wird. Samir gelingt es nicht, mit der Ungewissheit zu leben, idealisiert den Vater, sucht seinen Platz im Leben, ist aber wie gelähmt und zieht sich zurück. Viele Jahre später macht er sich auf eine Reise in den Libanon, um herauszufinden, was damals wirklich geschehen ist, und auch, um selbst endlich zur Ruhe zu kommen.

Pierre Jarawans Romandebüt „Am Ende bleiben die Zedern“ ist die stimmungsvolle Geschichte eines jungen Mannes, der nach Antworten auf quälende Fragen sucht, damit er sein Leben unbelastet weiterleben und letztendlich in die Hand nehmen kann. Jarawans Sprache ist teilweise sehr ausgeschmückt, bildreich und sinnlich, was dazu beiträgt, dass man als Leser schnell völlig in den Roman eintaucht. Samirs Geschichte wird zu großen Teilen zwischen Vergangenheit und Gegenwart alternierend erzählt, ein Kniff, der Abwechslung in den Roman bringt und natürlich Spannung aufbaut. Der Leser erfährt so nach und nach sowohl aus der Kindheit Samirs als auch von seiner Reise: Das Puzzle setzt sich so auf zwei Ebenen nach und nach zusammen. Teilweise sind das Herausschieben, die häufigen Themenwechsel, kurz gesagt, die vielen Cliffhanger sowohl an den Enden von Kapiteln als auch manchmal mitten in ihnen, aber zu viel: Wann immer an diesen Stellen eine Passage folgt, die aus der Situation herausführt, fällt es trotz der schönen Sprache schwer, sie zu genießen. Weitere Kritikpunkte sind die an einigen Stellen etwas zu kitschig geratene Liebesgeschichte und die Dramatik, mit der es ein bisschen übertrieben wird und die gar nicht nötig ist, um eine spannende und atmosphärisch dichte Geschichte zu erzählen.

Insgesamt hat mir der Roman aber gut gefallen: Neben einer wirklich fesselnden Comic-of-Age- und Familiengeschichte lernt man eine Menge über die Geschichte des Libanons und des Nahen Ostens. Der Roman ist in sich stimmig und rund und insgesamt sehr stimmungsvoll. Ich bin schon gespannt, was von Pierre Jarawan als nächstes zu lesen sein wird.

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern, Berlin Verlag 2016, 448 Seiten, 22 Euro

 

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