Schuld – Owen Sheers: I saw a man

414_04669_163837_xxl„Die Last von Geheimnissen“ ist auf dem Buchrücken des Romans zu lesen, eine Tür ist abgebildet, einen Spaltbreit offen, Licht strahlt darunter hervor, aber wir wissen nicht, wohin diese Tür führt und was sich hinter ihr verbirgt. Ein recht passendes Bild zur Geschichte, die man in Owen Sheers zweitem Roman „I saw a man“ zu lesen bekommt.

Nun lebt der Roman davon, dass sich die Geschehnisse nur nach und nach entblättern und man als Leser zunächst eine ganze Weile im Dunkeln tappt. Michael, der im Mittelpunkt des Romans steht, hat auf tragische Weise seine Frau verloren, beide hatten sich ernsthaft und vollkommen aufeinander eingelassen. Nach Carolines Tod verlässt Michael das gemeinsame Haus auf dem Land und zieht nach London, wo er die Nelsons kennenlernt: Josh und Samantha leben gleich nebenan mit ihren beiden kleinen Töchtern. Der Roman setzt ein, als Michael, der nach ein paar Monaten Bekanntschaft inzwischen regelmäßig bei den Nachbarn ein- und ausgeht und ihnen sehr nahe steht, auf der Suche nach einem Schraubenzieher deren Wohnung durch die offene Hintertür betritt und feststellt, dass niemand zu Hause zu sein scheint. Während er sich nun im Haus bewegt und auch bleibt, nachdem Josh und Samantha nicht zu finden sind, beginnt man als Leser sich zu fragen, zu argwöhnen, was passieren wird. Etwas Unheilvolles ist im Gang, daran besteht kein Zweifel. Was das sein wird? Nichts deutet daraufhin. In Rückblenden erfahren wir von Michaels Frau. Von ihrem Kennenlernen, ihrer Beziehung, ihrem Tod, dem, was danach kam. So springt die Geschichte zwischen dem Damals und dem Jetzt hin und her, bis die Ereignisse ihren Lauf nehmen.

„I saw a man“ erzeugt Spannung dadurch, dass der Leser nicht weiß, was am Ende der Geschichte stehen wird, dies aber unbedingt wissen will. Und Sheers tut natürlich alles, um diese Spannung aufrecht zu erhalten, indem er immer wieder die Handlung der Gegenwart unterbricht und in die Vergangenheit zurückkehrt, Episoden ausschweifend erzählt. Wie man diese Episoden empfindet, ist wohl Geschmackssache: Kann man sich geduldig darauf einlassen? Schwierig. Denn man will ja wissen, wie es weitergeht. Man kann einem Spannungsroman schwerlich vorwerfen, dass er spannend ist, und der Impuls, die Abschweifungen möglichst schnell hinter sich zu bringen, sie nicht wirklich schätzen zu können, mag eine persönliche Marotte sein. Vielleicht passen an dieser Stelle Buch und Leserin einfach nicht zusammen.

Allerdings neigt der Autor bzw. sein Erzähler auch dazu, sich zu wiederholen, das Gesagte zu verstärken, indem er noch einmal in anderen Worten darauf zurückkommt, ohne dass ein neuer Gedanke, eine Nuance, hinzugefügt würde. Es wird noch einmal ausgeholt, ohne einen anderen ersichtlichen Zweck, als die eigentliche Geschichte hinauszuzögern, die Spannung immer weiter zu steigern. Oder ist es so, dass der Autor seinen Lesern zu wenig zutraut, meint, sich deutlicher erklären zu müssen?

Sheers Sprache ist einfach gehalten, gerade heraus, man gleitet über sie hinweg, bleibt nicht an ihr hängen, nur an den manchmal etwas unpassenden Bildern, wie zum Beispiel der Beschreibung einer „Empfängnis“, die Michaels Frau Caroline zu Beginn ihrer Beziehung „tief in ihrem Innern“ verspürt hatte und die nichts mit dem Empfangen eines Kindes zu tun hatte, so ist zu lesen. „Empfängnis“ soll hier ein Gefühl darstellen, verdeutlichen, dass sie so etwas wie mit Michael noch nie erlebt hatte. Nur eine verunglückte Übersetzung? Solche Stellen irritieren. Sheers wird lobend mit Ian McEwan verglichen, bleibt aber hinter ihm zurück, an dessen sogerzeugende Romane, dessen Fähigkeiten, Geschichten zu erzählen, Plots zu entwickeln, an McEwans Blick in die menschlichen Befindlichkeiten, auch Abgründe, reicht Sheers nicht heran.

Trotz dieser Kritik, die teilweise mit den Lesepräferenzen der Rezensentin zu tun hat, ist „I saw a man“ kein durch und durch schlechtes Buch. Der Roman stellt große Fragen nach Schuld und Reue, danach, ob man lieber über etwas schweigen oder reden sollte. Was sind die Motive für das eine oder andere, und sind sie selbstsüchtig oder selbstlos? Wie lebt man mit einer großen Schuld weiter, ohne an ihr zu zerbrechen? Hier hat Sheers‘ Geschichte ihre stärksten Momente, regt zum Nachdenken an, bringt den Leser zum Abwägen. „I saw a man“ ist ein nicht ganz leicht einzuordnender Spannungsroman mit Stärken und Schwächen.

Owen Sheers: I saw a man, DVA Verlag 2016, 304 Seiten, 19,99 Euro

 

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s