Rausch – Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

PanikherzMan kann Benjamin von Stuckrad-Barres neues Buch vollkommen unbedarft als Autobiographie eines sehr begabten Schriftstellers lesen, der, natürlich, sehr viel erlebt hat, Gutes und Schlechtes, auf jeden Fall Interessantes, man kann lesen, ohne ihn zu kennen. Das funktioniert. Sehr gut. Oder man ist einer derjenigen, die Stuckrad-Barres frühe Bücher, „Soloalbum“ und „Livealbum“ allen voran, damals gelesen, vielleicht auch aufgesogen haben, als er zum neuen Star der Popliteratur wurde. Auch wenn ich Stuckrad Barres weiteren Weg dann nicht mehr verfolgt habe – seine Fernsehshows und –auftritte sind mir größtenteils unbekannt, so habe ich diese Leseerfahrung doch nie vergessen, auch wenn die Romane an sich mir nicht mehr präsent sind. Wie es dem heute Anfang 40-jährigen in all den Jahren ergangen ist, das habe ich nun in aller Ausführlichkeit nachlesen können: Panikherz ist nicht weniger als die Reise durch Stuckrad-Barres Leben, beginnend mit dem Aufwachsen im behüteten Pfarrhaus als jüngstes von vier Kindern in der Provinz. Die Karriere begann dann früh bei einem Stadtmagazin in Göttingen, wo die Familie später hinzog, er wurde Redakteur beim Rolling Stone, Productmanager bei einem Plattenlabel, Autor für die Harald-Schmidt-Show. Beim Lesen dieser frühen Stationen staunt man immer wieder, wie sehr alle auf Stuckrad-Barre gewartet zu haben scheinen, seine Offenheit, oder ist das schon Dreistigkeit? – kommt an, er bekommt alles, was er will.

Was er will, das ist vor allem: Ein Leben im Rausch, fern von jeder Spießigkeit, Musik, Partys, Dazugehören, Feiern. Es funktioniert, der Aufstieg ist rasant, Stuckrad-Barre wird bekannt, hat keine Hemmungen, jeden anzusprechen, seine Ideen vorzuschlagen, scheint sehr von sich überzeugt. Im jungen Alter geht es vor allem darum, alles zu ironisieren, selbst Udo Lindenberg, Held seiner Kindheit, macht er in einer Kritik zu einer neuen Platte völlig nieder, weil man das eben so machte. Udo Lindenberg, der später zum Freund und Retter werden wird: Seine Lieder ziehen sich durch Stuckrad-Barres Leben, und er ist präsent fast im gesamten Buch, selbst zu den Zeiten, als er im Leben des Autors noch oder gerade keine große Rolle spielt.

Dass Stuckrad-Barre immer noch schreiben kann und mehr ist, als der Shooting Star von damals, das wird schon auf den ersten Seiten klar. Sein launiger Ton, seine stets so wunderbar treffenden neuen Wortschöpfungen, locker-witzig und klug, sie machen die Lektüre extrem unterhaltsam. Und seine Beobachtungsgabe, sein Einfangen dessen, was man oft diffus gedacht, gefühlt hat, es steht dann einfach da, in seiner ganzen simplen Wahrheit.

„Als diese Platte rauskam, war ich erst sechs Jahre alt und Popmusik noch fern, bei mir liefen nur Abenteuerhörspiele mit altklugen Kinderdetektiven. Und als ich „I love Rock&Roll“ dann das erste Mal bewusst hörte, war das Lied schon: alt. Biographiezufall, ob man bei einem Hit-Momentum gerade in der Blankophase universeller Kulturprägbarkeit und Popaufmerksamkeit ist. Ich bin zu jung, um dieses Lied als frisch wahrgenommen zu haben und zu alt, um es nicht zu kennen und später zu entdecken…“ S. 497

Vor allem die erste Hälfte von „Panikherz“ ist geprägt von einer überheblichen Arroganz, mit der der Autor auf alles und jeden blickt. Alles wird durchschaut, immer ein bisschen von oben herab. Aber der Spagat gelingt, weil durchscheint, dass da einer erzählt, der in Wirklichkeit ein Guter ist, der gemocht werden, Spaß haben will. Und der auch sich selbst gegenüber ehrlich und kritisch ist. Der gut ankommen, gut dastehen will, immer besser sein, besser aussehen auch, was sich nicht zuletzt in den Essstörungen zeigt, die er entwickelt.

„… [Harm] ließ mich exaltiert sein, wie ich wollte, meine ultrakomplizierten und immer noch neurotischer werdenden Essenregeln wurden in die VERTRÄGE aufgenommen, low fat hier, no carb dort, Rohkost und was nicht alles. Ingwerwasser! Meine Mariahcareywerdung schritt voran.“ S. 215

Nach Magersucht und Bulimie kommt dann der Alkohol, Kokain, nichts lässt er aus und an allem lässt er den Leser teilhaben. Ehrlich, direkt, einerseits mit der gebotenen Distanz, dass man überhaupt am Ball bleiben will, weil es so nicht zu einer unerträglichen Nabelschau wird, andererseits ganz nah dran, auch an den Peinlichkeiten, der Verwahrlosung. „Panikherz“ hat nicht nur Witz, sondern auch Tiefe. Gerade die lange Zeit der Kokainabhängigkeit wird dann auch dem Leser etwas lang, die Wiederholungen, das ewige Stoned-sein, aber so war es nun mal, denkt man sich, da ist es nur logisch, dass man als Leser da durch muss.

Außerdem erlebt man als Leser noch einmal 20 Jahre Popgeschichte, begegnet alten Bekannten, ein Erleben, dass besonders intensiv sein mag, wenn man ungefähr im gleichen Alter ist wie der Autor. Nirvana, Oasis, The Bates, sie alle werden noch einmal wieder belebt, deutsche Promis begegnen ihm und uns während der Lektüre noch häufiger. Kaum einer dürfte diese Zeit so exzessiv erlebt haben wie Stuckrad-Barre, aber kurz kann mal so tun als ob, als wäre man mal kurz dabei gewesen, und sieht ihm dabei zu, wie er intensiv diese Jahre gelebt hat, wie er dann gerade noch den Absprung aus der Sucht geschafft hat. Versöhnlich werden wir aus dem Buch entlassen, der Erzähler scheint gereift, ruhiger geworden, vielleicht ja auch einfach und endlich erwachsen. Und ich habe noch ein paar Tage Billy Joels „Piano Man“ im Ohr, wie so viele Songs angerissen in „Panikherz“, aus keinem besonderen Grund außer dem, dass es für mich ein wichtiger Song der letzten 20 Jahre ist, auch wenn er schon viel älter ist.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz, Kiepenheuer & Witsch 2016, 576 Seiten, 19,99 Euro

 

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8 Antworten zu Rausch – Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

  1. thursdaynext schreibt:

    Wie unterschiedlich die Erfahrungen mit Büchern für Leser sein können, dafür ist Panikherz ein sehr gutes Beispiel. Die Beurteilung hängt offensichtlich vom individual persönlichen Gepäck des jeweiligen Lesers ab. Ich war irgendwann genervt und undndlich gelangweilt, habe quergelesen und abgebrochen. Hier sehe ich wie frau auch anders lesen kann.😊

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    • letteratura schreibt:

      Gepäck, Geschmack, sicher, und eigentlich ist das ja immer so 🙂 Ich mochte das Buch vor allem wegen der pointierten Sprache und des ganz persönlichen Noch-einmal-Erlebens der letzten Jahre. Vielleicht ist das Erleben bei Panikherz tatsächlich persönlicher, als bei anderen Büchern, bzw. die Bewertung noch subjektiver, als sie es ohnehin immer ist, weil eine entscheidende Frage ist, ob man den Autor mag.

      Gefällt 2 Personen

  2. Bri schreibt:

    Also ich bin ja noch dabei – aber eine Pause muss ich zwi8schendurch immer wieder machen. Klar, er kann schreiben. Das steht nicht zu Debatte, doch manchmal ist mir das, was Du als poinitert empfindest, zu voraussehbar. Er überrascht micht nicht, was seine Wortwahl, die geschliffen und ja, pointiert, ist. Ein bißchen viel Nabelschau am Anfang und für einen gerade mal 40jährigen ;))) Aber, ich bin ja auch noch nciht durch. Er beobachtet und beschreibt gut, LIndenberg kommt genauso rüber, wie ich mir das vorstelle. Wer weiß, ob er mich doch noch überrascht.

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    • letteratura schreibt:

      Gerade das mit der Nabelschau – das habe ich jetzt schon mehrfach gelesen – empfinde ich überhaupt nicht so. Ob er Dich noch überrascht, weiß ich nicht, das Buch ändert sich ja nicht in seinem Stil, nur kommt auf Dich noch die lange Drogenzeit zu, die mir dann etwas schwerfiel, weil sie einfach nicht enden wollte.

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  3. Bri schreibt:

    Aber vielleicht macht es das für mich aus 😉 Wer weiß … ich bin trotzdem gespannt 😉

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