Zug der Glücklosen – Lasha Bugadze: Der Literaturexpress

LiteraturexpressZaza ist ein junger georgischer Schriftsteller, der bisher ein Buch veröffentlicht hat: Einen Band mit Erzählungen, der sich kaum verkauft hat. Seitdem hat er nichts mehr geschrieben, wird aber trotzdem in den „Literaturexpress“ eingeladen, der eine 1-monatige Zugreise quer durch Europa unternimmt mit insgesamt 100 Schriftstellern an Bord. Oder war es gerade seine relative Erfolglosigkeit, die Zaza die Einladung eintrug? Bevor es losgeht, trennt sich seine Freundin Elene von ihm, da er im Schlaf bzw. Rausch seine Untreue ausgeplaudert hat und außerdem bricht der Kaukasuskrieg aus.

Die meiste Zeit seiner Reise verbringt Zaza mit dem zweiten georgischen Schriftsteller, der dabei ist, dem Lyriker Zwiad. Stets ist er hin- und hergerissen, ob Zwiad nun bemitleidenswert ist, weil er Gedichte schreibt:

„’Sind Sie ein Lyriker?’
Wie schrecklich, wenn man wirklich ein Lyriker ist und auf diese Frage eine positive Antwort geben muss: Ja, ich bin ein Lyriker. Hört sich merkwürdig an, oder? Ich schreibe Geschichten klingt irgendwie weniger eitel.“ S. 58f

Außerdem ist da noch Iliko, ein georgischer Student aus Deutschland, der eine Art Reiseführer für seine beiden Landsmänner ist.

Lasha Bugadzes Roman „Der Literaturexpress“ beginnt beschwingt und vielversprechend: Zaza erzählt aus seiner Perspektive von der Anreise, vom Kennenlernen der anderen Autoren, von seinen Beobachtungen. Mit nationalen Klischees wird man da mehrfach konfrontiert, auch die Deutschen werden ohne Skrupel und augenzwinkernd über einen Kamm geschert:

„Die Deutschen lassen einen nie sitzen, ausgeschlossen“ S. 25
„… er verfügte, wie jeder waschechte Deutsche, über die psychologischen Tricks, einen Menschen zu versklaven.“ S. 57
„… die Deutschen haben einfach nur ihre Komplexe und keiner weiß, was sie wirklich im Schilde führen.“ S. 112

Mit dem Literaturexpress reisen keine renommierten, erfolgreichen Schriftsteller. Erfolgreiche Schriftsteller lassen sich, so glaubt Zaza, nicht in einem Zug durch halb Europa karren, sie sind zu Hause, wo sie die Tür hinter sich schließen können, um zu arbeiten. Wie es sich gehört.

Im Zug sieht das anders aus: Zwar versucht man zu arbeiten, denn natürlich soll die Reise literarisch festgehalten werden, aber gerade Zaza ist dazu gar nicht in der Lage. Stattdessen verliebt er sich in die griechische Musikkritikerin Helena, die ihren polnischen Mann, einen Übersetzer, begleitet. Zaza steigert sich immer mehr in seine Gefühle hinein, scheint irgendwann regelrecht besessen von Helena und kann nur noch an sie denken. Und auch die anderen Schriftsteller interessieren sich irgendwann mehr für die Mitreisenden und eventuelle amouröse oder wohl eher sexuelle Abenteuer als für ihre schriftstellerische Karriere. Unrealistisch ist das alles wohl nicht. Aber eben auch nicht tragend für einen ganzen Roman, in dem der Schwerpunkt weniger auf der Zurschaustellung des Literaturbetriebs, auf den Qualen erfolgloser Schriftsteller, vielleicht auf den Beziehungen zu anderen Autoren, womöglich auch auf Neid oder Missgunst ihnen gegenüber liegt, als man das vielleicht erwarten könnte.

Nun bleiben auch die anderen Personen neben der Handvoll Hauptfiguren so sehr im Hintergrund, dass man sie kaum fassen kann. Natürlich kann man keine Geschichte über 100 Schriftsteller und ihre Befindlichkeiten erzählen, aber außer Zaza, Zwiad, Iliko und Helena spielt sich kaum jemand in den Vordergrund. Das ist ein wenig einseitig.

Dass mit Zaza die Hauptfigur aus der Ich-Perspektive erzählt, schränkt die Möglichkeiten des Romans natürlich ein. Zaza ist zwar ein guter Beobachter und verfügt auch ein Stück weit über Selbstironie, aber er ist auch naiv und wenig erwachsen. Es kommt einem als Leser so vor, als spiele er sowohl den anderen Figuren im Buch als auch dem Leser seine Naivität vor, um durchblicken zu lassen, dass er keineswegs unbedarft ist. Auf der anderen Seite aber hat man das Gefühl, dass er sich da selbst überschätzt und eben doch schlichter ist, als er es selbst von sich glaubt und hofft. Wenn so jemand zum Erzähler eines Romans wird, jemand, der außerdem wie besessen von einer verheirateten Frau ist, und an kaum etwas anderes denken kann, dann sind die Möglichkeiten dieser Geschichte begrenzt. Und so es dann auch Zaza selbst, der irgendwann feststellt, dass die eigentliche Geschichte, die, über die man einen Roman hätte schreiben sollen, nicht die seine war, sondern dass der Hauptstrang wohl ein anderer hätte sein müssen. Vielleicht gilt das auch für Bugadzes Roman?

So ist die Idee eines „Literaturexpress“ und damit auch des vorliegenden Romans sehr reizvoll, er überzeugt aber nur teilweise. Die Liebesgeschichte trägt nicht durchgehend, ist aber so dominant, dass die anderen Schriftsteller und deren Eitelkeiten mehr und mehr in den Hintergrund geraten. Die Art des Erzählens von Bugadzes Hauptfigur schränkt die Möglichkeiten ein. „Der Literaturexpress“ ist kein schlechtes Buch, kann aber letztendlich nicht überzeugen.

Lasha Bugadze: Der Literaturexpress, Frankfurter Verlagsanstalt 2016, 320 Seiten, 24 Euro

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