Heimat und Flucht – Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Nachts ist es leise„Nachts ist es leise in Teheran.“ Das stellt die junge Laleh fest, die 1999 zum ersten Mal wieder in den Iran reist, nachdem sie mit ihren Eltern, noch sehr jung, kurz nach der Islamischen Revolution, nach Deutschland geflohen war. Die Eltern, vor allem der Vater Behsad, waren dort nicht mehr sicher. Als kommunistischer Kämpfer sah er in der Revolution wie viele zunächst eine Chance für das Land, um dann festzustellen, dass sich seine Hoffnungen nicht erfüllen würden.

„Nachts ist es leise in Teheran. Tagsüber so laut. So laut die Menschen im Haus, so laut ihr Sprechen, wenn es um Unwichtiges, so laut ihr Zögern, wenn es um Wichtiges geht. So laut ihr Lachen, ihre Zurufe, so laut ihre Höflichkeitssätze, die sie auswerfen, als wäre es ihr Atem.“ S. 148

Lalehs Zerrissenheit zeigt die junge Autorin Shida Bazyar in ihrem Debütroman auf beeindruckende Weise. Mit Leichtigkeit erzählt Laleh uns von ihren Erlebnissen in Teheran. Und doch spüren wir die Schwere und den Schmerz. Deutschland ist längst Lalehs Heimat, aber sie fühlt auch die Verbindungen zu dem Land, in dem sie geboren wurde. Einerseits kann sie sich kaum daran erinnern, wie es war. Das alltägliche Leben dort ist ihr fremd. Andererseits sieht Laleh, wie ihre Mutter so anders ist als sie jemals in Deutschland war, eine Frau, die sie so nicht kennt. All die Tanten, Onkel, Cousinen, an die sie sich kaum erinnert, die sich freuen, sie zu sehen, die wissen wollen, ob sie lieber in Deutschland oder im Iran leben würde – eine Frage, die sie kaum beantworten kann, die sich ihr einfach nicht stellt. Die Verwandten wollen so unbedingt, dass Laleh auch Teheran wenigstens ein bisschen mag.

„Nachts ist es leise in Teheran“ besteht aus vier Kapiteln, die jeweils im Abstand von zehn Jahren von den verschiedenen Familienmitgliedern erzählt werden. Schon bevor Laleh zu Wort kommt, lesen wir von ihrer Mutter Nahid, und das nicht weniger beeindruckend, von ihrem neuen Leben in Deutschland wenige Jahre nach der Flucht. Vom Fremdsein und vom Gefühl des Alleinseins einerseits, vom Gefühl der Dankbarkeit und des Dankbarseinmüssens andererseits. Davon, wie anders die Deutschen sind als sie, wie man zueinander findet und wo die Unterschiede doch so groß zu sein scheinen. Sie erzählt von vielleicht unbewusster Herablassung und Ungeduld. Noch davor, zu Anfang des Romans, lesen wir aus Behsads Perspektive von der Zeit der Revolution, davon, wie es dazu kam, dass das junge Paar mit zwei kleinen Kindern floh. Und schließlich, im letzten Kapitel und schon fast in der Gegenwart, kommt Lalehs jüngerer Bruder Morad zu Wort, auch er nicht sicher, wo zwischen der Vergangenheit seiner Eltern und seinem eigenen Leben als Student er eigentlich steht. Wie politisch kann und will er sein?

Shida Bazyar schafft es in ihrem Roman, mit einer außergewöhnlichen Intensität komplexe Sachverhalte darzustellen, wobei es sich dabei hauptsächlich um das handelt, was in ihren Figuren passiert. Alle ihre Protagonisten sind auf ihre Weise zerrissen, ringen um ihren Platz zwischen der alten und der neuen Heimat. Die Autorin schreibt in einer klaren Sprache, ihr Ton ändert sich je nachdem, wer uns gerade erzählt. Wie nebenbei bringt uns der Roman knapp 40 Jahre bewegte iranische Geschichte näher. „Nachts ist es leise in Teheran“ hat mich gefesselt und beeindruckt, mich getroffen und dabei auch noch sehr gut unterhalten. Ich freue mich jetzt schon auf mehr von dieser jungen Autorin.

Shida Bazyr: Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer und Witsch 2016, 288 Seiten, 19,99 Euro

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