Vom Beobachten und Verstehen – Rachel Cusk: Outline

OutlineEine Schriftstellerin reist nach Athen. Sie wird dort einen Schreibkurs leiten, reist allein. Es ist Hochsommer. Sie übernachtet in der Wohnung einer anderen Dozentin, doch schon bevor sie ankommt, hat sie eine erste Begegnung und ein längeres Gespräch mit ihrem Sitznachbarn im Flugzeug. Er erzählt ihr aus seinem Leben, vor allem von seinen gescheiterten Ehen, und er spricht mehr als sie.

In „Outline“, dem neuen Roman von Rachel Cusk, setzt sich dieses Muster fort. Die Schriftstellerin, die auch diejenige ist, die in der Ich-Perspektive die Geschichte erzählt, ist bei allen Gesprächen, die sie im Laufe des Romans führen wird, der passivere Teil. Stets erfährt der Leser mehr über ihren Gesprächspartner bzw. ihre Gesprächspartnerin, nicht einmal ihr Name fällt. Gesprochen wird viel, vor allem über Beziehungen, über Männer und Frauen, aber es geht auch um Beobachtungen, kleinere und größere. Vor allem erfahren wir immer wieder von den Unterschieden zwischen dem, was wir wahrnehmen, und dem, was wirklich passiert – falls man das so sagen kann: Vielleicht ist es einfach der Unterschied zwischen der eigenen und der fremden Wahrnehmung.

Erst im Laufe des eher kurzen Romans wird die eigentliche Hauptfigur ein wenig deutlicher greifbar. War sie lange diejenige, die die Geschichten und die Fragen der Gesprächspartner aufnahm, die die anderen spiegelte, mit ihnen über sie und weniger über sich selbst diskutierte, erfahren wir nur in kleinen Dosen mehr über sie. Trotzdem hat man als Leser früh eine Vorstellung von ihr, nur geht das Erfahren ihrer Figur über die anderen Figuren.

Sie trifft Freunde und Bekannte in Athen, und sie unterhält sich mit ihren Schülern im Schreibkurs, denen sie Aufgaben zu bestimmten Themen stellt. Ihre Beobachtungsgabe anderen gegenüber ist scharf und klug, aber es ist bekanntermaßen immer schwieriger, sich selbst gegenüber genauso scharfsinnig zu sein.

Rachel Cusks Roman ist, so verrät es der Buchumschlag, der Auftakt zu einer Trilogie „einer weiblichen Odyssee im 20. Jahrhundert“. Man darf gespannt sein, was die Autorin noch für uns bereithält. Rachel Cusk ist mit „Outline“ ein lesenswerter Roman gelungen.

Rachel Cusk: Outline, Suhrkamp Verlag 2016, 234 Seiten, 19,95 Euro

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2 Antworten zu Vom Beobachten und Verstehen – Rachel Cusk: Outline

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