„Du, die Du sein Leben geliebt hast, kannst Du auch seinen Tod lieben?“ – Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

Der OrtAjany hat einige Jahre in Brasilien gelebt, als sie schließlich in ihre Heimat Kenia zurückkehrt. Ihren geliebten Bruder Odidi hat sie lange nicht gesehen, und nun ist es zu spät: Er wurde erschossen. Ajany und ihre Eltern sind fassungslos in ihrer Trauer. Zur gleichen Zeit kommt Isaiah Bolton, ein Engländer, nach Kenia, auf der Suche nach seinem Vater Hugh, den er nie kennengelernt hat. Hugh hatte mit Isaiahs Mutter Selene lange in Kenia gelebt, bevor sie sich trennten und blieb in Kenia. Isaiah hatte Kontakt zu Odidi, der ihm Hoffnungen gemacht hatte, etwas über Hugh zu wissen. Aber auch Isaiah verpasst Odidi und sieht sich dessen völlig versteinerter Familie gegenüber, die versucht, ihn loszuwerden und in ihrer Trauer keinen Platz für ihn und seine Fragen hat.

Yvonne Adhiambo Owuors erster Roman erzählt gleich mehrere Geschichten: Er erzählt von Ajany, von ihrer Kindheit und Jugend mit dem älteren Bruder, von ihrer Trauer, für die die Autorin starke Worte findet. Ihre Sprache ist voller Metaphern und Bilder, driftet aber nie in Kitsch ab. Sie schafft einen ganz eigenen Kosmos, in dem sich der Roman abspielt.

„Ajany wendet den Blick ab, legt die Hände auf ihr Herz, das unter einem Schleier der Trauer begraben ist und in dem ein Splitter der Scham steckt, weil sie noch am Leben ist.“ S. 249

An anderen Stellen verkürzt die Sprache immer da, wo es keine Worte geben kann. Gefühle der Leere werden so für den Leser übersetzt. Die Sprache stockt und verdeutlicht die Stimmung, die Verzweiflung der Protagonisten, ihre eigene Sprachlosigkeit: Unfähig, wirklich miteinander in Beziehung zu treten, ficht jede Figur ihren ganz eigenen Kampf aus. Sie sind isoliert oder isolieren sich selbst. Ajany und ihre Eltern sind in ihrer Trauer um Odidi wie versteinert, und es ist beeindruckend, wie greifbar die Autorin diese allumfassende Trauer für den Leser macht.

Eine weitere Geschichte innerhalb des Romans ist die des Aufeinandertreffens von Isaiah und Ajany. Und außerdem führt er zurück in die Vergangenheit von Ajanys und Isaiahs Eltern und damit auch die Vergangenheit Kenias: Das Ende der Kolonialzeit und die damit verbundenen teilweise blutigen Kämpfe, die Unabhängigkeit Kenias im Jahr 1963, die dem Land keine Ruhe brachte. All diese Themen bzw. Handlungsstränge sind kunstvoll miteinander verbunden.

Mit „Der Ort, an dem die Reise endet“ (im Original so kurz wie treffend „Dust“) ist der Autorin ein Roman gelungen, der von zutiefst zerrissenen Menschen erzählt in einem Land, dessen Geschichte von Gewalt und Krieg, von Unterdrückung geprägt ist. Eine Geschichte darüber, wie Menschen mit dem, was ihnen zustößt, umzugehen versuchen, an einem Ort, an dem bei aller Trostlosigkeit, bei allem Leid, immer auch Hoffnung zu finden ist. Eine Geschichte auch über Kenia, durch die man noch etwas über das Land und seine Bewohner lernen kann. Das großartige Debüt einer Autorin mit einer großen, ganz eigenen Erzählstimme.

Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet, Dumont Verlag 2016, 512 Seiten, 22,95 Euro

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2 Antworten zu „Du, die Du sein Leben geliebt hast, kannst Du auch seinen Tod lieben?“ – Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

  1. Marion schreibt:

    Auf das Buch freue ich mich total und nach der positven Rezension noch mehr.
    Herzlichen Glückwunsch zum neuen Blog! Es hat ein bisschen gedauert, bis ich verstanden hab, wer da schreibt 🙂 Ich freue mich auf mehr.

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Danke! Viele hatten glaube ich Probleme, reinzukommen und fanden das Buch schwer zugänglich, aber mir ging es nicht so. Ja, alles neu, ich werde da bestimmt noch rumbasteln und umstellen. Bin auch immer noch dabei, mich zurechtzufinden 🙂

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