Flaneur – Dag Solstad: 16.7.41

Dag Solstads Roman „16.7.41“, der gerade im Dörlemann Verlag in der Übersetzung von Ina Kronenberger erschienen ist, ist ein nicht leicht zu fassendes Buch. Dabei ist es ein Roman, der sich gleich zu Beginn selbst einordnet und reflektiert. Er rückt die Beziehung von Autor und Erzähler ins Bewusstsein seiner Leserinnen und Leser und spielt mit dieser Beziehung. Gleich nach dem ersten Satz des Romans findet sich eine Fußnote, unter der zu lesen ist:

„Das schreibende Ich ist nicht identisch mit dem handelnden Ich, obwohl beide Schriftsteller sind und auch Dag Solstad heißen, es ist derselbe Name, der als Autor auf dem Titelblatt dieser Erzählung stehen wird.“ S. 39f

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Fliehen und Ankommen – Usama Al Shahmani: Im Fallen lernt die Feder fliegen

Aidas Eltern flohen vor ihrer Geburt aus dem Irak in den Iran, wo sie in einem Flüchtlingslager geboren wurde. Jahre später kam die Familie, zu der auch ihre ältere Schwester Nosche gehörte, dann in die Schweiz. Hier verlebt Aida prägende Jahre, lernt die Sprache, findet Freunde und fühlt sich heimisch. Doch ihre Eltern kommen nie wirklich an, beschließen irgendwann, zurückzugehen in den Irak. Den Töchtern bleibt keine Wahl und so lernen sie die Heimat ihrer Eltern überhaupt erst kennen. Sie bleibt ihnen fremd. So beschließen sie, den Weg zurück in die Schweiz zu suchen, hinter dem Rücken der Eltern und mit Hilfe eines väterlichen Freundes der Familie, der schon lange in der Schweiz lebt, auch er irakischstämmig.

Zu Beginn des Romans „Im Fallen lernt die Feder fliegen“ von Usama Al Shahmani ist Aida eine junge Frau, die sich ein Leben in der Schweiz aufgebaut hat, einen Job hat und einen Freund, den sie liebt. Sie sind bereits seit einigen Jahren ein Paar, doch noch immer verschließt sich Aida vor Daniels Fragen nach ihrer Vergangenheit. Er ist interessiert, weiß aber fast nichts darüber und fühlt sich ausgeschlossen, während Aida nicht an den alten Wunden rühren will und kann. Das führt unweigerlich zu Konflikten. Als Daniel für einige Zeit die Stadt verlässt, beginnt Aida, ihre Geschichte aufzuschreiben.

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Eine Familie rund um G20 – Katrin Seddig: Sicherheitszone

Familie Koschmieder lebt in Hamburg mit drei Generationen unter einem Dach. Jedoch ist Vater Thomas vor kurzem in die Gästewohnung über der Garage gezogen. Er hat sich in eine jüngere Frau verliebt. Natascha beobachtet durch das Wohnzimmerfenster, wie ihr Mann Besuch von seiner neuen Freundin bekommt. Sohn Alexander haben sie adoptiert, mittlerweile ist er erwachsen und arbeitet als Polizist. Seine Schwester Imke ist ein paar Jahre jünger. Die Beziehung der Geschwister wird auf die Probe gestellt, als der G20-Gipfel im Jahr 2017 in Hamburg stattfindet, denn plötzlich stehen sie auf verschiedenen Seiten: Imke engagiert sich bei „Jugend gegen G20“, während ihr Bruder die Demo sichern muss. Er macht sich einerseits Sorgen um seine Schwester, findet ihr Engagement andererseits falsch. Alexander mag es geordnet, klare Regeln empfindet er als beruhigend. Im Laufe des Romans wird deutlich, womit er im Inneren zu kämpfen hat.

Seine Eltern haben ihre eigenen Sorgen. Natascha überdenkt ihr ganzes Leben, nachdem Thomas sich von ihr getrennt hat, lernt ebenfalls jemanden kennen, was Thomas wiederum nicht gefällt. Natürlich weiß er, dass er dazu nichts mehr zu sagen hat, was es ihm aber nur noch schwerer macht. In seiner neuen Beziehung beginnt es bald zu kriseln und er ist sich nicht mehr sicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat.

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Auf der Burg – Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

KD Pratz ist weltberühmt für seine Kunst und entspricht ganz dem Bild vom schwierigen Künstler, der der Welt mit all ihrer Schlechtigkeit entflohen ist. Er hat sich auf eine Burg am Rhein zurückgezogen und empfängt dort fast nie Gäste. Alles Neue, Moderne ist ihm zuwider. Doch als ein Frankfurter Museum die Möglichkeit in Aussicht stellt, dass man ihm den durch eine Erbschaft finanzierbaren Anbau dort zur Verfügung stellen bzw. seinem Werk widmen könnte, ist sein Ego (oder ist es doch nur sein Selbstverständnis als Künstler?) groß genug, um Interesse zu zeigen. Die Gelder von Bund und Land sind gesichert, nur der Förderverein des Museums muss noch zustimmen. Und so macht dieser sich auf den Weg zu KD Pratz. Ein Wochenendausflug, der anders laufen wird, als geplant.

Kristof Magnusson lässt seinen Roman „Ein Mann der Kunst“ aus der Sicht von Constantin erzählen, einem Architekten, dessen Mutter Ingeborg die Leiterin des Fördervereins ist. Sie ist eine alleinstehende und ehemals alleinerziehende Psychotherapeutin im Ruhestand und sie verehrt KD Pratz seit vielen Jahren und ignoriert kurzerhand alles an ihm, was nicht ihr feministisches Weltbild passt. Hinzu kommen weitere Mitglieder des Fördervereins, zum Beispiel „das Einstecktuch“, ein wohlbetuchter Herr, der seinem Look stets mit diesem Accessoire den letzten Schliff gibt. Außerdem hat er immer seinen Bernhardiner dabei, bzw. „seinen derzeit aktuellen Bernhardiner“, denn es gab derer schon einige. Der Vorsitzende des Fördervereins ist für seinen Job überqualifiziert und gerät immer dann aus der Fassung, wenn etwas nicht absolut nach seinem Plan läuft. Diese Figuren und andere mehr sind äußerst präzise gezeichnet, haben die eine oder andere Schrulligkeit, verkörpern einerseits bestimmte Typen und sind andererseits komplett individuell. Bei aller Komik, die aus dem sehr genauen Blick Magnussons auf seine Figuren entsteht, führt er sie doch niemals vor oder macht sie lächerlich.

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Schlaganfall – Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Mit 51 Jahren erleidet Joachim Meyerhoff einen Schlaganfall. Er weiß sofort, was geschieht, und vor allem weiß er, dass es schnell gehen muss: Zeit ist Hirn. Seine Tochter, der er gerade bei einer Hausarbeit geholfen hatte, ruft den Notarzt, der, einmal da, erst einmal nicht losfährt zum Krankenhaus. Die Sanitäter benötigen das Okay der Zentrale und den Ort, an den man Platz für den Schlaganfallpatienten hat. Die Tochter macht Druck, der Vater sitzt panisch im Rettungswagen und sieht sein Gehirn unwiderrufliche Schäden nehmen, bis es endlich losgeht.

Der neue, fünfte Roman in Joachim Meyerhoffs autobiographischer Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ mit dem etwas sperrigen Titel „Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist also der Roman seines Schlaganfalls. Wie immer frage ich mich beim Lesen, wie viel von dem Erzählten genauso passiert ist, wie immer bin ich mir genauso sicher, das spielt keine Rolle. Dass ich Meyerhoff bei der Lektüre vor mir sehe, scheint mir logisch, schließlich stimmen biographische Daten, Familienkonstellationen und Lebensstationen überein. Wichtig scheint mir, nicht zu vergessen, dass es so gewesen sein könnte, aber nicht muss.

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