Furchtlose Heldin – Caoilinn Hughes: Orchidee und Wespe

Gael Foess ist eine außergewöhnliche Romanheldin. Bereits mit elf Jahren verkauft sie auf dem Schulhof Jungfernkapseln an ihre Mitschülerinnen, weil sie der Meinung ist, jede von ihnen habe das Recht, so oft Jungfrau zu sein, wie sie wolle. Gael zeigt schon in diesem frühen Alter Anzeichen einer Geschäftsfrau – wobei die ersten Kapitel diejenigen sind, die mich nicht gänzlich überzeugt haben, weil ich skeptisch war, ob ein Kind wirklich schon so gewieft sein kann, wie es dort beschrieben wird.

Gaels Mutter Sive ist eine Stardirigentin, ihr Vater Jarleth, ein erfolgreicher Geschäftsmann, verlässt die Familie, worauf Gael beschließt, nie wieder etwas mit ihm zu tun haben zu wollen. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Guthrie hat epileptische Anfälle und Visionen und auch eine ausgeprägte künstlerische Ader. Dass er ernsthaft krank ist, traut sich niemand in der Familie ihm zu sagen. Im Prinzip ist es der Bruder, der immer der wichtigste Mensch in Gaels Leben war und ist.

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Macht der Musik – Katharina Mevissen: Ich kann dich hören

Osman ist Mitte 20, Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter, die die Familie früh verlassen hat. In Hamburg studiert er Cello, spielt Fußball zum Ausgleich, lebt in einer WG. Zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, aber zu seiner Tante Elide, die Osman und seinen Bruder Willi wie eine Mutter großgezogen hat. Elide ist es auch, die Os zu Beginn des Romans anruft, und ihm mitteilt, dass Suat, Osmans Vater und erfolgreicher Violinist, sich das Handgelenk gebrochen hat. Suat wird eine ganze Weile nicht mehr spielen können. Ein Tinnitus wird ebenfalls diagnostiziert. Osman hat keine Lust, sich um seinen Vater zu kümmern, überhaupt nur mit ihm zu reden. Da ist viel Unausgesprochenes zwischen Vater und Sohn.

Stattdessen hat Osman in Hamburg andere Probleme. Mit Luise zum Beispiel, seiner Mitbewohnerin, zu der er sich hingezogen fühlt und die ihn offenbar auch mag, doch beide wissen nicht recht, wie sie miteinander umgehen sollen. Nach der Nachricht aus der Heimat fällt es Osman außerdem schwer, routiniert Cello zu üben, ein Vorspiel steht an, auf das er sich nicht ausreichend vorbereiten kann, seinem Lehrer geht er aus dem Weg. Es sieht ganz so aus, als müsse er sich erst seiner Familie stellen, Elide zurückrufen, die seit Wochen versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Seinem Vater endlich einige Fragen stellen, die schon lange in der Luft liegen.

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Gedankenstrom – Mike McCormack: Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann

Der Titel des neuen Romans des irischen Autors Mike McCormack sagt so viel wie wenig über die Geschichte aus, die in ihm erzählt wird. Er bezieht sich vor allem auf die Form, denn „Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann“ besteht im Prinzip aus einem einzigen Satz – oder nicht mal aus einem Satz, denn Punkte gibt es keine, es gibt nur Kommas und Absätze, die den Text rhythmisch einteilen, und so beim Lesen hilfreich sind. Marcus Conway denkt, analysiert, erinnert sich und wir lesen das genauso, wie es ihm in den Sinn kommt, wir sind in seinen Gedanken. Der Roman ist ein einziger Gedankenstrom.

Der Protagonist dürfte um die 50 sein, er ist verheiratet, nach einer schweren Krise zu Anfang der Beziehung wohl auch recht glücklich. Die Kinder sind aus dem Haus, Tochter Agnes versucht ihr Glück als Künstlerin, wobei sie auch zu unkonventionellen Mitteln greift bzw. zu solchen, die ihren Vater sehr verstören, wenn sie etwa ihr eigenes Blut in einem Kunstwerk verarbeitet. Sohn Darragh ist ein kluger Kopf, weiß aber noch nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll und skypt mit dem Vater von Australien aus, wo er sich gerade eine Auszeit nimmt. Marcus beobachtet seine Kinder mit scharfem Blick, der sich nicht durch seine Vatergefühle verklärt, wobei die Liebe zu seinen Kindern stets spürbar ist.

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Lob der Alltäglichkeit – Stewart O’Nan: Henry persönlich

Vor acht Jahren erschien Stewart O’Nans hinreißender Roman „Emily allein“, in dem der amerikanische Autor das unspektakuläre Leben einer 80-jährigen Witwe beschrieb. Die Kinder längst aus dem Haus, der Hund gibt ihrem Leben Struktur, sie trifft ihre Schwägerin. So vergehen die Tage. In seinem neuesten Roman hat O’Nan die Zeit nun ein paar Jahre zurückgedreht, Emilys Mann Henry lebt noch. Während „Emily allein“ der Roman einer alleinstehenden, alten Frau war, ist „Henry persönlich“ nun die Studie eines Ehepaars, diesmal mit Fokus auf dem männlichen Part. Emily und Henry sind fast 50 Jahre verheiratet, sie kennen sich, wie sie sonst niemanden kennen, sie sind ein eingespieltes Team.

„Henry persönlich“ erzählt ebenso wie der später spielende Roman von Alltag und Normalität. Henry war Ingenieur und hat seine klar geregelten Bereiche im Haus, ist für alles Handwerkliche, für Reparaturen zuständig, während Emily andere Aufgaben hat. Sie möchte nicht, dass er diese klare Ordnung in Frage stellt, und so wagt er dies auch nur selten, sieht ihre Reaktion dann stets voraus.

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Der manipulative Vater – Dana von Suffrin: Otto

Ein Roman über einen schlecht gelaunten Patriarch, der zum Pflegefall wird? Und der obendrein auch noch witzig sein soll? Das klang zunächst nicht nach einer Lektüre, die ich mir selbst ausgesucht hätte. Ich war skeptisch.

Bis ich die Autorin von „Otto“ auf der Buchmesse erleben durfte, was verdeutlichte, dass ich mir den Roman ganz falsch vorgestellt hatte. Weder gefühlsduselig-kitschig, noch vordergründig-albern, sondern tiefgründig, melancholisch, lustig, auch wenn einem das Lachen teils im Hals stecken bleibt.

Otto ist spät Vater geworden, er ist inzwischen sehr alt und liegt im Krankenhaus, wo seine Töchter, beide um die 30, ihn regelmäßig, das heißt täglich und wann immer er nach ihnen ruft, besuchen. Otto hält das für ihre Pflicht, für ihn ist es selbstverständlich, dass sie alles stehen- und liegenlassen, eigene Leben gesteht er ihnen nur widerwillig zu und so lange er an erster Stelle steht. Dabei beherrscht er die Kunst der emotionalen Erpressung, macht sich zum Opfer, beschimpft seine Töchter bei jeder Gelegenheit. Babi, die jüngere Tochter und Schwester der Ich-Erzählerin Timna, nennt er, so erfahren wir zu Anfang, eigentlich nur „Arschloch“. Timna und Babi sind nicht so dumm, dass sie nicht genau wüssten, wie Otto sie manipuliert, halten es dennoch für ihre Pflicht, dem Alten nach seiner Nase zu tanzen. Sie kennen es nicht anders. Die Mutter ist tot, war Alkoholikerin, weitere nahe Verwandte gibt es nicht. Lediglich Tann, den Timna im Krankenhaus kennenlernt und mit dem sie eine Beziehung beginnt, weist sie einigermaßen wütend auf die Spielchen des Vaters hin, was Timna allerdings nicht dazu bringt, ihr Verhalten zu ändern.

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