Zerbrochen – Rachel Cusk: Danach. Über Ehe und Trennung

Rachel Cusks unaufgeregte Romane „Outline“, „Transit“ und „Kudos“ zeichnen sich durch die gute Beobachtungsgabe der Autorin aus. Sie entwickeln einen Sog nicht durch eine handlungsreiche Geschichte, sondern durch die klugen Gedanken und das Verhalten der Protagonistin. Cusk lässt stets Leerstellen. Es geht dabei um das Erzählen von Geschichten, um die Frage nach Wahrheit und Fiktion.

In „Danach“, ihrem Memoir „Über Ehe und Trennung“ geht es um die eigenen Erfahrungen der Autorin während und vor allem nach ihrer Ehe. Das Original erschien in Großbritannien 2012, also vor den oben genannten Romanen, die zur „Trilogie einer weiblichen Odyssee im 21. Jahrhundert“ gehören. Die Verlusterfahrung Cusks ist bei der Lektüre in großem Maße spürbar, mit Einzelheiten zum Scheitern der Ehe bleibt sie allerdings zurückhaltend, wobei auch klar sein dürfte, dass es ein Geheimnis bleibt, ob die Stimme, der wir hier zuhören, auch wirklich zu 100 Prozent die der Autorin ist.

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Alte Liebe – Ali Smith: Von gleich zu gleich

Ali Smith gehört zu meinen LieblingsautorInnen, seitdem ich zum ersten Mal einen Roman von ihr gelesen habe. Es war „Beides sein“, im Original 2014, bei uns 2016 erschienen. Smith schert sich nicht um die Erwartungen ihrer Leserinnen und Leser, sie bricht Handlungsstränge ab, lässt Fragen unbeantwortet und bleibt generell gern im Unklaren. Dabei sind ihre Romane trotz ihrer Virtuosität stets klar und gut lesbar, sie schafft greifbare Charaktere und erzählt Geschichten mitten aus dem Leben. Im November wird mit „Winter“ der zweite Band ihres Jahreszeitenquartetts bei uns erscheinen. Der erste Roman des Zyklus, „Herbst“ befasste sich auf überzeugende und doch subtile Weise mit den Auswirkungen des Brexit auf die Briten. Die Wartezeit auf den neuen Roman habe ich mir mit ihrem Debütroman aus dem Jahr 1997 verkürzt, der gerade bei uns im Taschenbuch erschienen ist.

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Einbürgerung oder Asyl – Ulrike Ulrich: Während wir feiern

Alexa lebt schon lange in der Schweiz, sie ist Sängerin und in einer glücklichen Beziehung mit dem Arzt Adrian. Jedes Jahr am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, feiert sie eine Dachparty, die gleichzeitig eine nachträgliche Geburtstagsparty ist. So auch dieses Jahr. Alexa ist mit den Vorbereitungen spät dran, es gibt noch einiges zu organisieren. Dieses Mal wird, im Gegensatz zu sonst, auch Adrian mitfeiern. Adrian mag keine Partys und hatte in den letzten Jahren am 1. August Dienst, doch dieses Jahr arbeitet er tagsüber, um abends bei Alexa sein zu können, worüber sie sich freut.

Überraschend trifft sie während der Vorbereitungen Brad wieder, einen Schauspieler, mit dem sie vor einigen Jahren eine Affäre hatte. Die Begegnung macht sie nervös. Was passiert, wenn Adrian davon erfährt? Und hat das Ganze vielleicht doch etwas bedeutet? Wie sieht Brad das? Wird er alles verkomplizieren?

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Gegen die Regeln – Anna Burns: Milchmann

Für ihren Roman “Milchmann” wurde die nordirische Schriftstellerin Anna Burns 2018 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Es ist ein außergewöhnlicher Roman, die Auszeichnung völlig verdient.

Im Mittelpunkt steht eine 18-jährige junge Frau, die während des gesamten Romans namenslos bleibt. Bis auf sehr wenige Ausnahmen gilt das für alle Figuren in “Milchmann”, nur an zwei Stellen werden überhaupt Namen genannt. Davon abgesehen werden die Figuren gemäß ihrer Beziehung zur Ich-Erzählerin bezeichnet und mit Nummern versehen, das trifft zum Beispiel auf ihre zahlreichen Geschwister zu. So gibt es etwa die älteren Schwestern Eins bis Drei sowie deren Ehemänner Schwager Eins bis Drei, während die jüngeren Schwestern, die wie die Erzählerin noch im Haus der Mutter wohnen (einen Vater gibt es schon lange nicht mehr), als Kleine Schwestern zusammengefasst werden. Wenn nötig, wird weiter unterteilt in Große Kleine Schwester usw. Wo es die direkte Beziehung zur Hauptfigur nicht gibt, werden die Personen durch ihre Berufe bezeichnet oder aber durch andere Charakteristika, wie das „Tablettenmädchen“, das mit Hilfe von Medikamenten andere scheinbar wahllos vergiftet. Oder eben: Milchmann.

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Neue Wege – Franziska Hauser: Die Glasschwestern

„Die Glasschwestern“ heißen so, weil ihr Vater in der DDR eine Glasbläserei betrieb, die es mit Beginn des Romans schon länger nicht mehr gibt. Dunja und Saphie sind Zwillinge, Ende 30, als plötzlich ihre beiden Männer am gleichen Tag sterben, der eine, Winne, der aber genaugenommen Dunjas Ex-Mann ist, stürzt vom Dach, der andere, Saphies Mann Gilbhart, erleidet auf dem Heimtrainer einen Herzinfarkt. Ein schwerer Schlag für beide, und nachdem die Formalitäten erledigt sind, zieht Dunja mit ihren erwachsenen Kindern Augusta und Jules zu Saphie, die ein Hotel betreibt. Saphie ist kinderlos. Die Frauen haben ein sehr unterschiedliches Leben geführt, und auch mit den Schicksalsschlägen gehen sie unterschiedlich um.

Zunächst einmal scheint alles fast wie gewohnt seinen Gang zu gehen, Saphie ist die Zupackende, die sich nicht aus ihrer Routine bringen lässt, während Dunja strauchelt. Doch nach einiger Zeit wechseln sie die Rollen: Saphies verdrängte Trauer bricht sich Bahn, Dunja übernimmt die Verantwortung im Hotel und verliebt sich in einen Jugendfreund. Dieser ist es auch, der mit einer alten Geschichte im Zusammenhang steht, die nun wieder hochkommt: Es geht um einen Tunnel, der zu DDR-Zeiten in die Freiheit führen sollte und um ein Familiengeheimnis, das auch die etwa zehn Jahre jüngere Schwester von Dunja und Saphie, die erfolgreiche Popsängerin Lenka betrifft. Auch diese kommt ins Hotel, und bei Lenka, so wird deutlich, wird es schnell mal chaotisch oder kompliziert.

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