Lebensreise – Lucy Fricke: Töchter

Lucy Frickes Roman „Töchter“ hätte ich wahrscheinlich nicht gelesen, wenn ich nicht wieder und wieder gehört und gelesen hätte, wie auf den Blogs und in den sozialen Medien davon geschwärmt wurde. Das Ausgangsszenario, zwei Frauen um die 40, die den Vater der einen auf dessen Wunsch zur Sterbehilfe in die Schweiz fahren sollen, erschien mir zunächst zu deprimierend. Doch „Töchter“, so las ich es überall, war wohl ganz anders, als ich dachte. Voller Textstellen, die man sich anstreichen und herausschreiben wollte, voller kleiner kluger Sätze und nebenbei auch noch komisch. Ganz anders als erwartet also. Also gut.

Marthas Vater Kurt hat Krebs, der nicht mehr zu heilen ist, und da seine Tochter sich nicht zutraut, den ganzen Weg in die Schweiz allein zu fahren, bittet sie ihre Freundin Betty, sie zu begleiten. Die beiden sind schon lange befreundet, sind quasi gemeinsam erwachsen geworden und Betty spürt, hier muss sie der Freundin einfach nur beistehen. Also fahren die drei los, doch es kommt alles anders als geplant und das für alle von ihnen.

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Frau und Mutter – Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Leda ist Ende 40, alleinstehend und Mutter zweier erwachsener Töchter. Sie hat sich in ihrem Leben gut eingerichtet, glaubt, zufrieden zu sein. Sie beschließt, den Sommer allein am Meer zu verbringen, mietet eine kleine Wohnung und macht sich auf den Weg. Tag für Tag verbringt sie am Strand, eigentlich, um dort auch zu arbeiten, doch mehr und mehr erregt eine neapolitanische Großfamilie ihre Aufmerksamkeit. Vor allem eine junge Frau und ihre kleine Tochter haben es ihr angetan. Sie beobachtet beide mit wachsendem Interesse. Nach und nach kommt sie mit der jungen Mutter, Nina, in Kontakt, aber auch mit der Schwägerin der jungen Frau und mit dem jungen Gino, der am Strand arbeitet, und jenseits des Strandes auch mit dem älteren Giovanni, der ihr zu Beginn ihres Urlaubs ihre Ferienwohnung gezeigt hatte.

Zu Beginn von „Frau im Dunkeln“, dem bereits 2006 erschienenen schmalen Roman Elena Ferrantes wissen wir nur wenig über Leda und ihre Vergangenheit. Die Autorin lässt Leda selbst ihre Geschichte erzählen und langsam, nach und nach davon berichten, wie es war, als sie in jungen Jahren ihre beiden Töchter bekam, ihre Ehe zu ihrem jetzigen Exmann immer schwieriger wurde, und Leda letztlich ihrer Mutterrolle nicht mehr gerecht werden konnte. Diese Erinnerungen, die für Leda schmerzhaft und mit Scham behaftet sind, lässt sie nur widerwillig zu, versucht, ihr Handeln vor sich selbst und somit vor dem Leser zu rechtfertigen, was ihr aber nicht wirklich gelingt. Die Schuld sitzt bei Leda tief.

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Freunde – Stefan Moster: Alleingang

Stefan Moster ist für mich einer der Autoren, von denen ich sofort jedes neue Buch lesen will. Und mögen, ich will es unbedingt mögen, seitdem ich vor einigen Jahren mit „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“ meine erste, nachdrückliche Begegnung mit dem Werk des Autors hatte. Zum Glück fiel es mir bisher immer leicht, seine nachfolgenden Romane zu mögen, die mir alle, manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger gefallen haben.

Moster schreibt direkt und schnörkellos, er erzählt von Menschen an Scheidewegen, von besonderen und alltäglichen Begegnungen. In seinem neuen, wunderbaren Roman „Alleingang“ erzählt er von Freundschaft, davon, anders zu sein, als jene, mit denen man sich umgibt, nicht wirklich dazuzugehören. Und dennoch da zu sein für seine Freunde, wenn auch vielleicht nicht immer auf eine Art und Weise, die diese verstehen und gutheißen können.

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Glaube und Fanatismus – John Wray: Gotteskind

Aden Sawyer ist eine amerikanische Teenagerin, gerade achtzehn geworden, kürzlich zum Islam konvertiert, und sie hat viel vor. Zusammen mit ihrem Freund Decker, den sie in der Moschee kennengelernt hat, reist sie nach Pakistan, um dort den Koran zu studieren. Ihre Eltern konnten sie nicht aufhalten, ihnen hat sie nur die halbe Wahrheit erzählt. In Pakistan angekommen, verkleidet sich Aden als Junge, nennt sich fortan Suleyman und träumt davon, an der Front zu kämpfen, für ihren Glauben und für Gott.

John Wray erzählt die Geschichte seiner jungen Heldin in hohem Tempo, charakterisiert sie gerade zu Beginn hauptsächlich durch die vielen Dialoge mit ihrem Freund Decker. Er ist der Einzige, der weiß, wer Aden wirklich ist. Decker hat Familie in Pakistan, sie ist die erste Anlaufstelle der beiden. Decker ist skeptisch, was Adens Verkleidung angeht, fürchtet, dass sie sich nicht dauerhaft verstecken wird können und hat Angst, was bei ihrer Entdeckung passieren könnte.

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Ein großer Mann? – Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume

Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ aus dem Jahr 2015 (bei uns Anfang 2017 erschienen) war ein Welterfolg und wohl eins der meistdiskutierten Bücher der letzten Jahre. Ein Roman, den man offenbar liebt oder hasst. Eine Lektüre, die ich als eine der intensivsten überhaupt der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Erinnerung habe, eine Geschichte um Freundschaft, Missbrauch, darüber, was Menschen einander antun und darüber, was Menschen ertragen können. Ich gehöre zu denen, die „Ein wenig Leben“ großartig fanden, daher war die Freude groß, als mich vor einigen Wochen überraschend Yanagiharas Debütroman aus dem Jahr 2013 erreichte. „Das Volk der Bäume“ erschien gerade bei Hanser Berlin, wo man sich also dazu entschloss, nach dem Erfolg von „Ein wenig Leben“ den Vorgänger ebenfalls auf Deutsch herauszubringen.

Natürlich neigt man dazu, beide Romane miteinander zu vergleichen, sowohl, was die Sujets als auch was die Qualität angeht. War es bei „Ein wenig Leben“ ein Missbrauch, der aus Opfersicht beschrieben wurde, so erfahren wir hier eine Tätersicht, es geht aber noch um viel mehr.

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