Auf den Spuren des Terrorismus – Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

Im Mai 1996 explodiert auf einem Marktplatz in Delhi eine Bombe. Es ist eine „kleine Bombe“, die nur wenige Opfer fordert. Eine Art Bombe also, an die man sich in gewissen Teilen der Welt im Laufe der Jahre gewöhnt hat, die nur kurz aufhorchen lässt. Nichts vom Ausmaß eines 11. September. Doch kleine Bomben, so lesen wir in Karan Mahajans Roman „In Gesellschaft kleiner Bomben“, haben auf die Opfer eine besondere Wirkung: Sie fühlen sich allein gelassen, schnell wieder vergessen. Sie befinden sich in einem kleinen Kreis von Opfern, sie scheinen noch zufälliger dazu geworden zu sein, als die Opfer größerer Anschläge.

„In Gesellschaft kleiner Bomben“ widmet sich allen, die in irgendeiner Form mit der Bombe zu tun haben und somit auch den Attentätern. Zunächst einmal aber den Opfern: Deepa und Vikas Khurana haben ihre beiden elf- und dreizehnjährigen Söhne zum Markt geschickt, um dort einen Fernseher abzuholen. Sie sind Hindus. Der zwölfjährige muslimische Freund der beiden Jungs, Mansoor, begleitet sie. Mansoor überlebt die Explosion schwer verletzt, während die Khurana-Brüder sofort tot sind. Ihre Eltern versuchen, die Tragödie irgendwie zu meistern, gehen zunächst auf Distanz zueinander, um sich dann wieder anzunähern. Doch ihre Ehe steht auf wackligen Füßen. Schon vor der Tragödie hatte es Probleme zwischen den beiden gegeben.

Weiterlesen

Advertisements
Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Was Richard sucht – Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre

Richard und Natascha sind seit langem verheiratet. Er forscht über Gletscher, sie ist Schriftstellerin. Sie haben eine gemeinsame Tochter, Fanny, die Richard sehr liebt, auch wenn er nicht immer weiß, wie er mit ihr umgehen soll. Die Familie lebt ein wohl ziemlich normal zu nennendes Leben in Hamburg, bis sie vor allem auf Nataschas Initiative hin beschließen, in ihrem Sommerhaus etwas außerhalb eine syrische Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Richard will damit möglichst wenig zu tun haben. Zu Beginn der Geschichte hält er sich in Kanada auf, wo sein alter Freund Tim ihm immer wieder die Frage stellt, ob er nicht endlich dorthin auswandern wolle. Richard würde das vielleicht tatsächlich in Erwägung ziehen, weiß aber auch, dass Natascha die Idee für ein Hirngespinst hält. Er reist schließlich zurück nach Hamburg, wo er mit Idea, einer mexikanischen Kollegin, mit der er ebenfalls in Kanada zusammengetroffen war, regen Emailkontakt hält. Idea kommentiert seine Situation, seine Ehe und die Aufnahme der Flüchtlingsfamilie, über die sogar das Fernsehen berichtet, stets scharfzüngig und ironisch.

Richard sieht sich nun gezwungen, auf die Situation am See irgendwie zu reagieren. Die Familie ist dort offenbar nicht willkommen und es wird viel geredet. Es gibt sogar Gerüchte, dass Herr Farhi dem syrischen Regime um Assad nahegestanden haben könnte. Immer wieder kommen vermummte Jugendliche zum Haus und verängstigen die beiden Söhne der Familie. Richards Frau Natascha wird zu ihrer Fürsprecherin, unter anderem veranstaltet sie eine Lesung mit Herrn Farhi, die etwas unglücklich verläuft. Richard bleibt insgesamt eher Zuschauer, greift nur widerwillig ein, wenn seine Frau ihn dazu drängt. Die Ehe der beiden leidet unter der grundsätzlich verschiedenen Sichtweise auf die Geschehnisse und der unterschiedlichen Vorstellung, wie damit umzugehen ist.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Kühner werden – Deborah Levy: Heiße Milch

„Meine Liebe zu meiner Mutter ist wie eine Axt. Sie schlägt sehr tief.“ S. 137

Sofia hat Anthropologie studiert, doch statt ihre Dissertation zu beenden, arbeitet sie in einem Café in London, wenn sie sich nicht gerade um ihre kranke Mutter Rose kümmert. Die beiden reisen nach Spanien, wo sich Rose in die Behandlung des berühmten Dr. Gómez begeben soll. Sie kann nicht mehr laufen und der Arzt ist ihre letzte Chance: Ihm eilt ein ausgezeichneter Ruf voraus, allerdings lässt er sich seine Arbeit auch etwas kosten. Rose und Sofia haben lange für diese Reise gespart. Die beiden waren lange nur zu zweit, Sofias griechischer Vater hat die Familie vor langer Zeit verlassen und inzwischen in Athen eine neue Familie gegründet – mit einer Frau, die kaum älter ist als seine Tochter. In Spanien wird Sofia teils gedrängt, teils ergibt es sich von ganz allein, dass sie eigene Wege geht, während ihre Mutter ihre Untersuchungen hat, und dass sie den Studenten Juan sowie die junge Deutsche Ingrid kennenlernt. Mit der Zeit wird immer klarer, dass Sofia etwas ändern muss in ihrem Leben.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , | 7 Kommentare

Italienische Beobachtungen von Leben und Tod – Esther Kinsky: Hain – Geländeroman

Ein Hain, so heißt es bei Wikipedia denkbar knapp, ist ein kleiner Wald (Wäldchen) oder ein Gehölz. Mit „Hain“ ist auch Esther Kinskys „Geländeroman“ überschrieben, wobei ihr Thema sich auf weit mehr erstreckt als auf das besagte Wäldchen. Vielmehr schickt Kinsky ihre namenlose Ich-Erzählerin auf eine Reise nach Italien, wo sie vor allem eines tut: Alles um sie herum still beobachten.

M. ist tot. Seinen vollen Namen erfahren wir nicht, doch mit ihm hat die Erzählerin ihr Leben verbracht, ihr Mann, Freund, Lebensgefährte, Liebhaber. Woran er starb? Ob es ein schneller, ein langsamer Tod war? All dies erfährt der Leser nicht. Nur ab und zu lesen wir davon, welche Orte sie mit ihm besucht hat, wann sie durch etwas an ihn erinnert wird.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , , | 5 Kommentare

Entscheidung mit Folgen – J. Courtney Sullivan: All die Jahre

Die Zutaten für J. Courtney Sullivans neuen Roman „All die Jahre“ sind den Lesern und Leserinnen schon durch viele ähnliche Plots bekannt: Eine Familie, bestehend aus mehreren Generationen und mit nicht ganz unkomplizierten Beziehungen untereinander, kommt zusammen, nachdem einer aus ihrer Mitte gestorben ist. Es gibt ein altes Familiengeheimnis, das bei dieser Gelegenheit ans Tageslicht kommt und alles in neuem Licht erscheinen lässt. Man trifft sich und trauert, alte Probleme werden zu neuen, aber irgendwie schafft man es, aus der Situation etwas zu machen, vielleicht sogar an ihr zu wachsen, und am Ende haben alle Protagonisten etwas gelernt.

So weit, so wenig neu. Sullivan bedient sich dieser altbekannten Zutaten, auch, als ihre Familie eine irische Einwandererfamilie in Boston ist, mit einer sehr religiösen Mutter und Kindern, die dem, was sie sich gewünscht hatte, nur bedingt entsprechen. Nora, inzwischen alt und verwitwet, kam als sehr junge Frau nach Amerika, wo ihr Verlobter Charlie schon auf sie wartete. Und sie hatte ihre jüngere Schwester Theresa dabei, ein hübsches, aufgeschlossenes junges Mädchen, das in Boston eine Ausbildung machen sollte. Theresa verliebte sich allerdings bei einer Tanzveranstaltung in einen jungen Mann und wurde bald von ihm schwanger – doch Walter stand nicht zu seiner Verantwortung. Letztlich ging Theresa ins Kloster (noch so eine typische Geschichtenzutat). Sie und Nora hatten noch einige Jahre Kontakt, bis es zum Zerwürfnis kam. Erst 2009, als Noras ältester Sohn Patrick bei einem Unfall stirbt, kommen beide wieder zusammen.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Roman | Verschlagwortet mit , , , , , | 6 Kommentare