„Erlebnisse aus der Außenwelt“ – Geoff Dyer: White Sands

„Erlebnisse aus der Außenwelt“, so heißt es im Untertitel zu Geoff Dyers neuem Buch „White Sands“, das im September auf Deutsch erschien. Es ist eine schwer einzufangende Sammlung von Essays und Kurzgeschichten, die sich stets irgendwo zwischen Fiktion und „non-fiction“ befinden und denen gemeinsam ist, dass der Erzähler, wenn wir einfach mal davon ausgehen, dass es in diesem Buch so etwas wie einen Erzähler gibt, sich auf Reisen befindet. Oft hat er seine Frau dabei, die, so schreibt er im Vorwort, im Buch Jessica heiße, während im wahren Leben seine Frau Rebecca heißt. Mehr sei es eigentlich nicht. Aber vielleicht ist eine klare Klassifizierung wirklich nicht das, worauf es in „White Sands“ ankommt.

Neben den Orten, die der Erzähler besucht, und die mal mehr, mal weniger ausführlich Gegenstand seiner Ausführungen sind, sind es oft die Begegnungen, die die Texte eigentlich ausmachen. So geht es zum Beispiel im titelgebenden Kapitel „White Sands“ weniger um das Naturschauspiel des so weißen Sandes in einem Naturschutzgebiet in New Mexico, der so weiß ist, dass es „noch einmal unterstrichen werden muss“ (S. 135), wie es da heißt. Sondern vielmehr dreht sich hier alles um einen afroamerikanischen Anhalter, den der Erzähler und seine Frau mitnehmen, zunächst mit dem guten Gefühl, jemandem einen Gefallen getan zu haben, worauf die Stimmung dann aber bald kippt.

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Wie wir werden, was wir sind – Négar Djavadi: Desorientale

„Das ist das Drama des Exils. Die Dinge und die Menschen existieren weiter, aber man muss im eigenen Leben so tun, als wären sie gestorben.“ S. 344

Kimîa sitzt im Wartezimmer einer Kinderwunschklinik. Sie ist gebürtige Iranerin, lebt aber schon lange in Frankreich und anderswo in Europa. Für Iranerinnen gibt es nur ein Lebensziel, lässt sie den Leser bald wissen: Die Mutterschaft. Auch die Ehe, die man als Iranerin ganz selbstverständlich einzugehen hat, ist letztlich nur der nötige Schritt zu disem größten aller Ziele: Kinder zu bekommen. Und obwohl Kimîa nicht nur den Iran schon lange hinter sich gelassen hat, sondern sich auch sehr selbstverständlich in der westlichen Welt bewegt, ein eigenständiges, freies Leben lebt, das sich von dem ihrer Mutter und anderer weiblicher Vorfahren unterscheidet, obwohl sie nicht dem gleichen sozialen Druck ausgesetzt ist wie sie, hat auch sie den Wunsch, ein Kind zu bekommen. Dabei sei gleich hinzugefügt, dass Kimîa keinesfalls aus einer besonders religiösen oder konservativen Familie stammt, sondern dass ihre Eltern zusammen mit ihren beiden älteren Schwestern vielmehr deshalb den Iran verließen, da ihr Vater Darius dort nach der Islamischen Revolution 1979 nicht mehr sicher war. Als Aktivist in der Protestbewegung gegen das Regime hatte er sich Feinde gemacht, die ihm nach dem Leben trachteten.

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Unromantisches Schriftstellerleben – Gerhard Falkner: Romeo oder Julia

Für Schriftsteller Kurt Prinzhorn gibt es kein „Romeo und Julia“, keine Romantik, keine große, gar dramatische Liebe. Er hat Affären, Kurzzeitbeziehungen oder vorübergehende Liebschaften, die er bei Gelegenheit auch wieder aufwärmt, wenn er sich berufsbedingt am Wohnort einer Ex aufhält. Stets bleibt er zwar nett und durchaus nicht gefühllos, aber immer auch unverbindlich.

Gerhard Falkners neuer Roman „Romeo oder Julia“ setzt ein, als Prinzhorn sich auf Reisen befindet. Zunächst fährt er zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck, später geht es weiter nach Moskau und Madrid. In Innsbruck werden ihm aus dem Hotelzimmer seine Schlüssel gestohlen und in seinem Bad scheint jemand die Badewanne benutzt zu haben: Er findet dort lange schwarze Haare, sonst aber keine Spuren, die darauf hindeuten, dass jemand dort war. Sowohl die Hoteldirektion als auch die Polizei können nichts ausrichten, vielmehr scheint man Prinzhorn nicht ganz für voll zu nehmen in seinen Anschuldigungen. Später widerfahren ihm in Moskau und Madrid weitere seltsame Dinge. Offenbar wird er verfolgt.

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Erzählen, um zu heilen – John Burnside: Ashland & Vine

Die Filmstudentin Kate trinkt seit dem Tod ihres Vaters zu viel. Sie lebt mit dem Kurzfilmmacher Laurits zusammen, jedoch sind sie kein Paar. Eigentlich ist es eine Wohngemeinschaft, wobei auch gelegentlicher Sex dazugehört. Kate hilft Laurits bei einem seiner Projekte und lernt dabei die betagte Jean Culver kennen. Diese erkennt sofort Kates Alkoholproblem und schlägt einen ungewöhnlichen Deal vor: Sie will Kate ihre Lebensgeschichte erzählen, aber nur unter der Bedingung, dass Kate nüchtern bleibt. Kate willigt ein und so beginnen regelmäßige Besuche bei Jean bzw. gemeinsame Ausflüge in ein nahegelegenes Café.

In John Burnsides neuem Roman „Ashland & Vine“ erzählt Jean als eine Art moderne Scheherazade vom Amerika der letzten Jahrzehnte. Es ist stets eine persönliche Geschichte, in der die großen Ereignisse miteinfließen und manchmal Jeans Leben und das ihrer Liebsten beeinflussen bzw. durchkreuzen. Jean hat einige Schläge in ihrem Leben hinnehmen müssen, sie wuchs ohne Mutter auf und verlor auch ihren Vater früh auf dramatische Weise. Der Titel des Romans steht für diesen tiefen Einschnitt in Jeans Leben: Es war an der Ecke Ashland & Vine, wo ihr Vater unter den Augen von Jeans Bruder erschossen wurde.

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Jugend mit Gemälde – Donna Tartt: Der Distelfink

Donna Tartts preisgekrönten Roman „Der Distelfink“ aus dem Jahr 2013 hat inzwischen wahrscheinlich fast jeder gelesen, der sich mit zeitgenössischer Literatur beschäftigt. Obwohl ihr Erstling „Die geheime Geschichte“ der einzige Roman ist, den ich überhaupt mehr als zweimal gelesen habe, habe ich ihren zuletzt veröffentlichten Roman erst jetzt in Angriff genommen. Und der Umfang immerhin lässt erst einmal stocken: Das Werk umfasst mehr als 1000 Seiten.

Alles dreht sich um Theo Decker und seine Lebensgeschichte. Mit 13 verliert er durch einen Anschlag bei einem Museumsbesuch seine Mutter (auf dem Buchrücken wird das Geschehen als „Unglück“ betitelt, eine Bezeichnung, die eigentlich etwas irreführend ist). Sein Vater hat die Familie schon vor längerer Zeit verlassen, Theo lebte mit seiner Mutter allein. Sein Leben ändert sich von Grund auf. Die restlichen Jahre bis zu seiner Volljährigkeit lebt Theo an verschiedenen Orten, nirgends scheint er richtig hinzugehören, zu seinen Großeltern hat er lange keinen Kontakt gehabt und mit seinem Vater verbinden ihn eher gemischte Erinnerungen. So kommt Theo lange nicht zur Ruhe, fühlt sich oft allein und nirgends wirklich heimisch. Als er letztlich doch von seinem Vater und seiner Lebensgefährtin Xandra aufgenommen wird, lernt er schließlich Boris kennen. Sie werden Freunde, schwänzen gemeinsam die Schule und machen erste Erfahrungen mit Drogen und Alkohol.

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