Stecken geblieben – Stuart Nadler: Die Unzertrennlichen

Drei Wellensittiche sind auf dem Cover zu sehen, sie unterscheiden sich, doch sie sind farblich aufeinander abgestimmt, als wären sie verwandt. Ein passendes Bild für die Geschichte um die drei Frauen – wobei eine von ihnen noch nicht erwachsen ist –, die uns Stuart Nadler in seinem neuen Roman „Die Unzertrennlichen“ erzählt.

Henrietta ist seit kurzer Zeit Witwe und in Geldnöten, sie kann ihr Haus nicht halten und wird es wahrscheinlich verkaufen müssen. Ihre Tochter Oona hat sich von ihrem Mann getrennt und wird von ihrem Paartherapeuten umworben. Sie muss wiederum ihre Tochter Lydia von der Privatschule abholen, auf die diese seit einigen Monaten geht, weil ein Nacktfoto von ihr im Umlauf ist.

Gemeinsam ist den dreien, dass sie sich in schwierigen Situationen befinden und dass Männer sie auf die eine oder andere Weise enttäuscht haben, wenn bei Henrietta die Enttäuschung auch „nur“ darin besteht, dass ihr Harold gestorben ist, ihre Ehe war weitgehend glücklich. Folgerichtig konzentriert Nadler sich in seinem Roman auf die drei Frauen und deren Versuche, Wege aus den Schwierigkeiten zu finden. Henriettas Geldsorgen zumindest könnten bald gelöst sein: Als junge Frau schrieb sie den Bestseller „Die Unzertrennlichen“, ein Roman über das Sexualleben einer Frau in den Sechziger Jahren mit sehr genauen Zeichnungen weiblicher Geschlechtsorgane. Das Buch soll nun wieder neu aufgelegt werden, wogegen Henrietta sich lange gewehrt hat, da sie eigentlich nicht daran erinnert werden will und es nach wie vor Scham in ihr auslöst. Es wurde von den Leserinnen geliebt, von der Kritik zerrissen und Henrietta war eigentlich froh, dass sie nicht mehr so häufig auf das Buch angesprochen wurde.

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Das Leben durcheinander gewirbelt – Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da

Mia, Xenia und Lisa leben in Köln in einer WG. Sie sind eigentlich keine engen Freundinnen, verstehen sich aber gut. Mia hat im Rahmen ihres Studiums vor kurzem ein Austauschjahr in Venedig verbracht und vor ihrer Abreise Zettel mit ihrer Adresse verteilt, im Innern davon überzeugt, dass ihren Einladungen doch niemand folgen würde. Dennoch steht eines Tages Matteo vor ihrer Tür, ein junger Venezianer, den sie nur so flüchtig kennen gelernt hat, dass sie sich zunächst gar nicht an ihn erinnert. Matteo wird Gast in der Frauen-WG, und obwohl sie am Anfang nicht alle gleichermaßen begeistert davon sind (eigentlich hatten sie vereinbart, dass keine Männer in ihrer Wohnung übernachten sollen), geben sie ihren Widerstand bald auf, da der Fremde sie schnell in seinen Bann zieht.

Xenia ist Geschäftsführerin eines Cafés gleich gegenüber der Wohnung, und Matteo hilft ihr zunächst bereitwillig bei den alltäglichen Arbeiten und überrascht sie bald mit neuen Ideen zum Angebot des Cafés. Lisa ist Buchhändlerin und lebt mehr in ihren Romanen als in der Wirklichkeit. Matteo ist ihr zunächst ein Dorn im Auge, sie misstraut ihm, doch auch sie ändert bald ihre Meinung, als sie ihn näher kennen lernt.

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Ein Abbild Indiens – Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

Wenn jemand wie Arundhati Roy, die seit 20 Jahren keinen Roman veröffentlicht hat und deren Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“ schon fast so etwas wie ein moderner Klassiker ist, wenn so jemand einen neuen Roman veröffentlicht, sind die Erwartungen groß. Vergleiche mit ihrem Debütroman stellen sich automatisch ein, doch „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist kein zweiter Gott der kleinen Dinge. Hat Roy meine Erwartungen erfüllt? Im Großen und Ganzen ja.

Den neuen Roman inhaltlich kurz zusammenzufassen, ist schwierig, der erzählerische Bogen reicht weit, das Figurenpersonal ist letztlich zwar doch einigermaßen übersichtlich, jedoch kommt einem dies nicht immer so vor. Die Geschichte ist in lange Kapitel aufgegliedert, deren jeweilige Überschreibung auf den Inhalt hinweist, aber die Autorin erlaubt sich hier wie generell nach Gustus abzuschweifen, auszuholen, in der Zeit vor- oder zurückzugreifen.

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Kriegsalltag – Anuk Arudpragasam: Die Geschichte einer kurzen Ehe

Es gibt keine Schonfrist. Gleich auf der ersten Seite: ein sechsjähriger Junge, der schon ein Bein verloren hat, bei der Explosion einer Landmine, und der nun auch seinen rechten Arm verlieren wird. Der Leser wird Zeuge der Amputation, die ausführlich beschrieben wird. Es gibt keine Betäubung, der Arzt führt die Operation ruhig und ohne das Zeichen jeglicher Emotion durch, der bewusstlose Junge erwacht vom Schmerz. Ein kaum zu ertragender Romanbeginn, der zeigt, was für eine Geschichte uns erzählt werden wird, und der andeutet, auf welche Weise.

Wir befinden uns einem Flüchtlingslager, wo, wird nicht mitgeteilt, es ist nicht relevant. Es herrscht Krieg. Alle, die es bis hierhin geschafft haben, haben Angehörige verloren und wissen, dass auch der eigene Tod wahrscheinlich ist vor Ende des Krieges, wann immer dies auch kommen mag. Man hat sich eingerichtet, einen Alltag im Grauen gefunden, ist abgestumpft. Der sri-lankische Autor Anuk Arudpragasam erzählt in seinem Debütroman „Die Geschichte einer kurzen Ehe“ von einer nur sehr kurzen Zeit in diesem Lager.

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Angekommen – Deborah Feldman: Überbitten

Das jiddische Wort „iberbeten“, zu deutsch „überbitten“, beschreibt ein jüdisches Ritual des Friedenschließens, des Barmherzigseins. Es ist die Überzeugung, dass ein Verzeihen dem anderen gegenüber von vornherein gar nicht nötig sei, da dieser sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Dennoch versichert man sich demjenigen gegenüber, um sicher zu gehen, dass einem verziehen wird, auch und vor allem von Gott.

„Der Begriff Iberbetn war in unserer Gemeinschaft so geprägt, dass er zu einem allgemeinen Ausdruck für unwahrscheinliche Eintracht wurde, zu einer Art Umschreibung von Konflikten oder Widersprüchlichkeiten, die nicht durch die Vernunft, sondern durch den Glauben gelöst wurden.“ S. 630

Für Deborah Feldman ist es ein bisschen wie ein mysteriöses Wunder, wenn sie gegen Ende ihrer autobiographischen Erzählung „Überbitten“, die im Mai beim Secession Verlag erschien, feststellt, dass ihre „innere Spaltung“ geheilt ist. Ganz wie bei dem Ritual aus der streng orthodoxen Gemeinschaft, in der sie aufwuchs und aus der sie im Alter von 23 Jahren ausstieg, steht hier eine Art Befreiung.

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