Lesen oder Lieben? – Jan Kjærstad: Das Norman-Areal

John Richard Norman unterscheidet sich schon als Kind von den anderen: Während sie rausgehen wollen, miteinander etwas erleben, spielen, wünscht er sich nur, daheim zu bleiben und zu lesen. Bücher haben auf ihn eine fast magische Wirkung – oder ist es das Gegenteil davon? Denn sie katapultieren ihn in eine andere Wirklichkeit, die für ihn aber nicht weniger wirklich ist.

Inzwischen arbeitet er als Lektor für einen großen Verlag und das sehr erfolgreich. Seit kurzem aber wird ihm schlecht, sobald er sich in ein Manuskript vertieft. So lässt er sich vom Verlag beurlauben und zieht auf eine ruhige Insel. Auch hier passiert das Gleiche: Sobald er lesen will, muss er sich übergeben. Dann lernt er Ingrid kennen, eine erfolgreiche und wohlhabende Frau, wie er nicht mehr jung, aber eine Erscheinung, selbstbewusst, sie weiß, was sie will. Sie verlieben sich heftig ineinander und sind für eine Weile unzertrennlich. John vermisst seine Bücher nicht, die Liebe ist ihm genug. Irgendwann aber wendet sich das Blatt und John findet zurück zur Literatur, kommt zu spät zu Verabredungen, weil er lieber lesen möchte. Ingrid kann das nicht nachvollziehen. In John reift der Entschluss, sich zu trennen.

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Verjährung und Gerechtigkeit – Karin Kalisa: Radio Activity

„Am Ende war er es, der mich verseucht hat.“ S. 154

Es ist nur dieser eine kurze Satz, der Nora aufhorchen lässt, ein Satz, der etwas ins Rollen bringt und der nicht mehr zurückgenommen werden kann. Nora hat die letzten Jahre als Tänzerin in den USA verbracht, aber dort alles stehen und liegen lassen, als sie von der Diagnose ihrer Mutter hörte. Krebs, unheilbar. Also kehrt sie zurück ans Krankenbett ihrer noch nicht alten Mutter und verbringt mit ihr deren letzte Zeit. Und sie erfährt, was der Mutter passiert ist, als sie ein Kind war, schlecht in Latein und Nachhilfe beim Apotheker der Stadt bekommen sollte. Nora begreift, warum sie als Kind bestimmte Dinge nicht durfte, warum die Mutter sie nur bei Freundinnen übernachten ließ, deren Mütter alleinerziehend waren, warum sie sie so immer eindringlich auffordert, immer gut auf ihre Kinder aufzupassen, sollte sie einmal welche haben. Und dann erzählt sie Nora, was ihr passiert ist, was der Mann, der ihr eigentlich mit Latein helfen sollte, mir ihr wirklich gemacht hat und was die Geschehnisse in ihr angerichtet haben. Sie wirken nach, bis jetzt.

Die Mutter stirbt, aber Nora ist wie in einem Tunnel. Zur schier bodenlosen Trauer kommen Wut und Ohnmacht über das, was der Apotheker der Mutter angetan hat. Sie findet heraus, dass der Mann noch lebt, hochbetagt, ohne je zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Das will Nora nicht hinnehmen.

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Briefe an die Familie – Gérard Salem: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

Boris ist nicht gerade in einer guten Phase seines Lebens. Die Ehe gescheitert, die Söhne sind auf Distanz zu ihm gegangen und zu seinen Eltern und Geschwistern hat er seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr. Er selbst war es, der nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte. Nun macht er eine Therapie und bekommt von seinem Therapeuten den Rat bzw. Auftrag, einen Brief an die Eltern zu schreiben. Es muss ein richtiger Brief sein, handgeschrieben und mit Marke, keine Email, SMS oder dergleichen. Boris ist skeptisch, hegt er doch einen gut gepflegten Groll gegen seine Familie. Dennoch schreibt er ihnen. Sein Brief löst daraufhin eine Art Kettenreaktion aus. Plötzlich fangen alle an, einander zu schreiben, die Eltern, die Geschwister, die Tante, die Briefe kreuzen die Familie in alle Richtungen. Boris’ Schwester schreibt seinem Therapeut und auch die junge Generation, eigentlich vollends vertraut mit Internet und Co, entdeckt die analoge Briefpost für sich.

Gérard Salem (1946-2018) war eigentlich Psychiater und auf Familientherapie spezialisiert, sein Roman basiert also auf seiner Arbeit. Leider verläuft sich die einigermaßen charmante Idee schnell, und der Roman läuft schnell ins Leere.

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Venezianisches Rätsel – Gerhard Roth: Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier

Emil Lanz lebt als Übersetzer in Venedig. Seine Frau ist schon lange tot, er wurde zum Einzelgänger und streift durch die Stadt, beobachtet die Menschen und genießt die Kultur um sich herum. Glücklich ist er nicht, eher ein bisschen lebensmüde im wahrsten Sinn des Wortes und so reift in ihm der Entschluss, sich das Leben zu nehmen. Aus dem Nachlass seiner Frau sind ihm zwei Pistolen geblieben, von denen eine das Werkzeug werden soll, und so trinkt er sich Mut an, sucht eine eher schwach frequentierte Nachbarinsel Venedigs auf und möchte gerade zur Tat schreiten. Doch da beobachtet er einen Mord.

Plötzlich hängt Lanz wieder sehr am Leben, flieht in der Hoffnung, dass die Mörder ihn nicht gesehen haben, was ihn zwangsläufig in Gefahr gebracht hätte. Er lernt die Fotografin Julia kennen, die in das Geschehen involviert ist, verliebt sich und weiß doch nicht, ob er ihr trauen kann. Er zögert, zur Polizei zu gehen, bis es dafür zu spät ist. Er wandert weiter durch Venedig, beobachtet und sinniert, lernt weitere Personen kennen, die mit dem Verbrechen zu tun haben. Alles wird unkonkreter, dubioser, verwirrender. Am Ende steht die Frage, wie viel wir diesem Lanz glauben können. Hat der Mord wirklich stattgefunden? War er womöglich selbst der Täter? Oder war er in seinen selbstzerstörerischen Absichten vielleicht doch erfolgreich und ist bereits tot bzw. in einer Art Zwischenwelt gefangen? Alles scheint möglich. Roth baut einige märchenhafte, das heißt unglaubwürdige Elemente ein und bezieht sich mehrfach auf Shakespeares „Sturm“, verleiht dem Roman eine spielerische Note.

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Tod in den Bergen – Norbert Gstrein: Als ich jung war

Nach dreizehn Jahren, die der Ich-Erzähler als Skilehrer in den USA verbracht hat, kehrt er zurück ins heimische Österreich. Dort richteten seine Eltern jahrelang wie am Fließband Hochzeiten aus, oft zwei an einem Wochenende. Franz wurde vom Vater schon in jungen Jahren als Hochzeitsfotograf abgestellt und arbeitete sich schnell und durchaus talentiert ein in dieses Metier. Seine Spezialität war dabei das Ablichten des frisch verheirateten Paars vor einem Abgrund. Eine Szenerie, die nicht selten zu morbiden Fragen führte, wenn die Braut etwa vom Bräutigam zwinkernd wissen wollte, ob er sich ihr nicht doch noch schnell entledigen wolle. Franz glaubt zuweilen, aus diesen Fragen einen ernsten Kern herauszuhören. Aus dem Spaß wird schließlich Ernst, als tatsächlich einmal eine Braut an genau diesem Ort wenige Stunden nach der Hochzeit ums Leben kommt.

Ein etwas verschrobener Kommissar befragt ihn wieder und wieder dazu, und Franz gerät noch mehr in dessen Visier, als er erfährt, dass Franz nur wenige Wochen zuvor an genau der Stelle eine 13-Jährige, die Cousine einer Braut, geküsst hat. Gegen ihren Willen und in dem Glauben, sie sei bereits 17 (und so oder so also in jedem Fall minderjährig). Ein Ereignis, das ihn nicht loslässt und für das er sich schuldig fühlt. Vor dieser Schuld und vor dem mysteriösen Tod (Mord? Unfall? Selbstmord?) jener anderen Braut kurze Zeit später war Franz in die USA quasi geflüchtet und hatte sich dort als Skilehrer verdingt.

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