Mitten im Leben – Mira Magén: Zuversicht

Zuversicht ist eigentlich nicht das, was einem zu diesem Roman einfällt. Nava hat ihren Mann und ihren Sohn durch einen Autounfall verloren, und ihr Blick in die Zukunft ist alles andere als zuversichtlich. Ihre Reaktion auf den Schlag, der ihr Leben in ein Davor und ein Danach geteilt hat, ist eine der Resignation: Sie gibt ihren Beruf als Innenarchitektin auf, um in einem Supermarkt an der Kasse zu arbeiten. Und sie verlässt ihre Wohnung, in der immer noch alles an glückliche Jahre erinnert und zieht in ein Seniorenheim. Hier, glaubt sie, ist sie unter ihresgleichen: Menschen, die wie sie nichts mehr vom Leben erwarten, die es im Großen und Ganzen hinter sich haben.

Nur dass die Alten das anders sehen und damit auch nicht hinterm Berg halten. Was will die junge Frau unter ihnen? Immer wieder begegnet Nava im Laufe der Geschichte Menschen, innerhalb und außerhalb ihres neuen Zuhauses, die ihr klarmachen, dass sie sich eben nicht am gleichen Punkt befindet wie jene, die doppelt so alt sind wie sie. Dass das Leben durchaus noch etwas für sie bereit hält, wenn sie sich nicht vor ihm verschließt. Nava nimmt die anderen schulterzuckend zur Kenntnis und macht weiter wie bisher.

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Aufregende Schlichtheit zum zweiten – Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich

Wie schreibt man eine Besprechung zum zweiten Teil einer Geschichte? Seitdem ich die Lektüre von Haruki Murakamis „Die Ermordung des Commendatore. Eine Metapher wandelt sich“ beendet habe, überlege ich, was ich zu diesem Roman schreiben kann und soll. Leser, die den ersten Teil noch nicht kennen, werden zwangsläufig gespoilert, wenn man auch nur wenige Angaben zum Inhalt macht, und da es sich meiner Meinung nach nicht wirklich um eine zweigeteilte Geschichte handelt, sondern um ein großes Werk, das eben in zwei Teilen veröffentlicht wurde, lässt sich der Rezension zu Teil 1 wenig hinzufügen. Höchstens, wie es dem Autor gelingt, seine Geschichte zu einem schlüssigen Ende zu führen, aber auch hier: Wie soll ich mein Fazit begründen, ohne zu viel zu verraten? Lohnt es sich doch hier gerade, die Lektüre möglichst unbedarft anzugehen, ohne viel Vorwissen. Mal sehen, wie sich dieses Problem lösen lässt.

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Anforderungen an ein ausgefülltes Leben – Mary McCarthy: Die Clique

New York, die 30er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts: „Die Clique“ besteht aus acht jungen Frauen, die zusammen studiert haben und nun erste Schritte in ein Leben als quasi erwachsene Frauen wagen. Dabei geht es vor allem, aber nicht nur, um Männer, darum, zu heiraten und eine gute Partie zu machen, aber auch um anderes, das die Frauen umtreibt in dem Wunsch, ein ausgefülltes Leben zu führen.

Mary McCarthy erzählt in „Die Clique“ von den einzelnen Frauen eher episodenhaft, pickt sich jeweils eine von ihnen heraus und folgt ihr in einer bestimmten Situation, in einem Lebensabschnitt, der für sie besonders prägend ist. Da ist Kay, die zu Beginn des Romans Harald heiratet. Er arbeitet am Theater, seine Arbeit ist aber keineswegs gesichert. Bald wird klar, wenn noch nicht der Protagonistin, dann doch zumindest sehr schnell dem Leser, diese Ehe wird schwierig werden, dieser Mann ist ein schwieriger Charakter, manipulativ und ein Lügner noch dazu. Die junge Dottie dagegen möchte gar nicht so unbedingt heiraten, sondern vor allem wissen, wie es ist, Sex zu haben und lässt sich auf einen Mann ein, der ihr gleich klarmacht, was sie von ihm erwarten kann, nämlich so gut wie gar nichts. Vor allem weder Liebe noch Treue. Selbstverständlich verliebt sie sich in ihn. Weitere Episoden des Romans befassen sich unter anderem mit den Bestrebungen einer Protagonistin, ihre gewünschte Arbeitsstelle zu bekommen und mit den Problemen, auf die eine andere stößt, die unbedingt ihr Kind stillen will in einer Zeit, in der es Gang und Gäbe ist, die Flasche zu geben. Dabei lässt die Autorin ihre Heldinnen jeweils zurück, wenn sie sich einer der anderen widmet und wir begegnen ihr später wieder, während die Zeit vergeht, die sie dann im Schnellverfahren Revue passieren lässt, indem sie nachliefert, was sich in der Zwischenzeit zugetragen hat. Durch diese Herangehensweise wirkt der Roman lebendig und recht kurzweilig: Hier wird gelebt.

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Neue Ermittlungen, viele Gedanken und das Aufeinandertreffen von Milieus – Jan Weiler: Kühn hat Ärger

Martin Kühn ist wieder da. Und zwar sowohl zwischen zwei Buchdeckeln in Form des zweiten Bandes um den als Inbegriff des Menschlich-Normalen gezeichneten Münchner Hauptkommissar, als auch in der Romanwelt, zurück aus der Reha, die er nach seinem Burnout hinter sich gebracht hat. Zurück bei seiner Familie, bestehend aus Ehefrau Susanne und zwei Kindern. Und zurück in der Dienststelle, wo Kühn nun wieder der Chef ist, nachdem Freund und Kollege Steierer in der Zwischenzeit für ihn eingesprungen war.

Und natürlich gibt es auch gleich wieder einen Kriminalfall, eigentlich sogar zwei. Zunächst einmal wird ein Jugendlicher tot aufgefunden, der einen sogenannten Migrationshintergrund hat, mehrfach polizeilich aufgefallen ist durch alle möglichen Delikte bis hin zu Raub und Körperverletzung, in den letzten Wochen aber eine absolute Verhaltensänderung gezeigt hat. Und zweitens droht ein Erpresser damit, Lebensmittel in einem Supermarkt in Kühns Wohngegend zu vergiften, wenn nicht ein üppiges Lösegeld gezahlt wird.

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Trauer und Leere – Daniel Galera: So enden wir

Andrei ist tot. Auf der Straße überfallen, sein Handy gestohlen, ein fast schon banaler Tod, so zufällig. Andrei, auch Duke genannt, war Schriftsteller, ein Star, um den sehr in den Sozialen Netzwerken getrauert wird, von dem noch viel zu erwarten war, das nun nicht mehr kommen wird. Drei Freunde von früher treffen sich an seinem Grab in Porto Alegre, lassen die Vergangenheit Revue passieren und schauen sich an, wo sie heute stehen. Damals, da waren sie noch sehr jung, hatten sie zusammen an einem Online Fanzine namens „Orangotango“ gearbeitet. Das Internet steckte noch in seinen Kinderschuhen, es war neu und aufregend. Heute belächeln die Freunde ein wenig ihr altes Ich, sehr cool wollten sie sein und so gaben sie sich, innovativ und natürlich immer besser als die anderen sahen sie sich, ihr Blick immer ein wenig von oben herab.

Diese Drei kommen in Daniel Galeras neuem Roman „So enden wir“ abwechselnd zu Wort, sodass der Leser jeweils ein Stück Leben, Alltag, Vergangenheit und Gegenwart von ihnen kennenlernt. Aurora, die gerade einen Rückschlag im Hinblick auf ihre Dissertation einstecken musste, als ihr Professor sie nicht zur Prüfung zugelassen hat – aus rein persönlichen Gründen – und die beruflich also noch nicht Fuß fassen konnte. Ein bisschen so wie Emiliano, der Andrei einst sehr nahe kam, mit ihm eine Nacht verbrachte, was sie aber nie wiederholten, und der jetzt eine Biographie über den toten Freund schreiben soll. Und zuletzt Antero, seinerseits beruflich sehr eingespannt und erfolgreich, verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, der sich aber nach mehr und nach anderem sehnt.

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