Unsere vielen Rollen – Eva Menasse: Quasikristalle

Jeder von uns ist eine(r) und viele gleichzeitig. Wir alle nehmen verschiedene Rollen ein, jeden Tag, viele Male. Wir sind Kind unserer Eltern, Freund oder Freundin, Arbeitskollege bzw. Arbeitskollegin. Wir sind später vielleicht Mutter oder Vater. Ferner betrachtet sind wir im Leben anderer Menschen Kunde, Patient oder jemand, der ihnen auf der Straße begegnet. Immer gibt es die Innensicht, glauben wir, uns zu kennen, stets der oder die Gleiche zu sein. Es gibt aber auch den anderen, der womöglich eine ganz andere Sicht auf uns hat, die sich durch die Beziehung definiert, in der wir zu ihm stehen. Ein Verwandter sieht andere Facetten von uns als unser Arzt, der eine professionelle Sicht auf uns hat, nach Feierabend aber kaum mehr einen Gedanken an uns verschwendet. Und wir verhalten uns auch unterschiedlich, zeigen jedem dieser Menschen andere Seiten von uns.

Eva Menasse hat aus dieser Erkenntnis, dass wir, dass unsere Person, sich aus vielen verschiedenen Personen zusammensetzt, aus den Rollen, die wir täglich einnehmen, einen klugen und unterhaltsamen Roman gemacht.

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Bäumchen wechsle Dich – Iris Murdoch: Ein abgetrennter Kopf

Im Jahr 2001 kam der Spielfilm „Iris“ von Richard Eyre mit Judi Dench in der Rolle der anglo-irischen Schriftstellerin Iris Murdoch (1919 – 1999) heraus. Nach dieser ersten Begegnung las ich zum ersten Mal einen oder zwei Romane von ihr. Ich habe sie in bester Erinnerung und las nun zum ersten Mal seitdem wieder ein Buch von Murdoch, den neu im Piper Verlag aufgelegten Roman „Ein abgetrennter Kopf“.

Die Geschichte dreht sich um eine Handvoll Personen und ihre amourösen Verstrickungen. Erzählt wird sie in der Ich-Perspektive von Geschäftsmann Martin, der sich zu Beginn gerade von seiner Geliebten Georgie verabschiedet, bevor ihm seine Frau Antonia zu Hause verkündet, dass sie ihn verlassen will für ihren Therapeuten Palmer, der aber gleichzeitig ein gemeinsamer Freund des Paares ist. Martin reagiert zwar überrascht und bestürzt, bleibt nach außen aber relativ gelassen und meidet die beiden daraufhin nicht etwa, vielmehr treffen sie sich und beteuern einander, dass sie wie Erwachsene miteinander umgehen und in freundschaftlichem Kontakt bleiben wollen.

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Die 70er Jahre und der Versuch, erwachsen zu werden: Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege

Lila und Elena sind erwachsen geworden. Lila hat ihren Mann verlassen und schlägt sich mit ihrem kleinen Sohn durch, arbeitet in einer Fabrik, lebt mit Enzo, einem alten Freund von früher, platonisch zusammen. Elena dagegen hat Neapel und den Rione verlassen, einen Roman veröffentlicht, in dem sie auch autobiographische Geschehnisse verarbeitet hat. Schließlich heiratet sie Pietro, einen Intellektuellen, bekommt Kinder, versucht, weiter zu schreiben. Der Kontakt zwischen ihr und Lila bricht teilweise ab, besteht dann lange hauptsächlich über das Telefon, erst viel später begegnen sich die beiden wieder. Beide gehen nun wirklich zum ersten Mal getrennte Wege.

Alle Vorzüge aus den beiden Vorgängerromanen „Meine geniale Freundin“ und „Die Geschichte eines neuen Namens“ lassen sich auch im dritten Teil des Zyklus „Die Geschichte der getrennten Wege“ wieder finden: Ferrantes atmosphärische Schilderungen zum Beispiel, die sich jetzt nicht mehr nur auf Neapel beziehen, sondern auch auf Elenas Leben in Florenz, in einem Milieu, das mit dem ihrer Kindheit rein gar nichts zu tun hat, in dem sie aber unbedingt zurechtkommen, dazu gehören will, ihre Vergangenheit so gut es geht, abstreifen möchte – was auch ihre Mutter bemerkt und ihr immer wieder vorwirft: Sie halte sich wohl für etwas Besseres. Ganz gelingt Elena dies nie, immer wieder gibt es etwa Situationen, in denen sich zum Beispiel ihr Dialekt wie von selbst an die Oberfläche spielt, sie ihr so gut antrainiertes Hochitalienisch zu vergessen scheint. Aber es ist nur die Sprache, die ihr selbst und auch dem Leser verdeutlicht, dass sie aus anderen Verhältnissen kommt. Sie kämpft stets an gegen ein Gefühl der Unzulänglichkeit, scheint sich erst recht viel aufzubürden, um sich zu beweisen, dass sie es geschafft hat.

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Seinen Platz finden – Jhumpa Lahiri: Der Namensvetter

Vor kurzem habe ich mir einen Traum erfüllt und endlich Indien bereist. Im Vorfeld habe ich nach passender Lektüre gesucht. Viel Zeit zu lesen hatte ich nicht – es gab so viel zu sehen, zu erfahren und aufzusaugen – es war ein einziges, großartiges Erlebnis – aber einen Roman habe ich dann doch geschafft: Jhumpa Lahiris „Der Namensvetter“.

Der Roman erschien bereits 2003, eine Verfilmung gibt es auch, die ich aber nicht kenne. Hauptfigur ist Gogol, der seinen Namen dem Schriftsteller zu verdanken hat. Seinem Vater hat er einst viel bedeutet. Seine Eltern lebten seit kurzem als bengalische Einwanderer in den USA, als Gogol geboren wurde. Seinen Namen sollte eigentlich seine Urgroßmutter aussuchen, die diesen in einem Brief an ihre Enkelin Ashima, Gogols Mutter, von Indien aus verschickte. Der Brief kam nicht an, und irgendwann blieb Ashima und Ashoke nichts anderes übrig, als sich selbst zu entscheiden. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Sohn für alle längst nur Gogol, was eigentlich ein Spitzname sein sollte, sein offizieller Name Nikhil setzte sich nicht durch. Gogol aber begann, seinen Namen zu hassen, hatte das Gefühl, dass dieser ihn zum Außenseiter machte. Als er später aufs College geht, wo er ein unbeschriebenes Blatt ist und ihn niemand kennt, beschließt er, nur noch Nikhil heißen zu wollen.

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Buchverlosung: Jhumpa Lahiri: In anderen Worten

Jhumpa Lahiris Buch „In altre parole – In other words“, das die Autorin auf Italienisch verfasste, habe ich bereits im Juni in der italienisch-englischen Version gelesen und besprochen (hier geht es zu meiner Rezension). Mir haben ihre Ausführungen zum Erlernen des Italienischen sehr gefallen, dazu, wie es sich anfühlt, stets eine Schranke zu empfinden, die Sprache vermutlich niemals völlig beherrschen zu können – und sie dennoch zu lieben. Die Autorin zog 2012 mit ihrer Familie nach Rom, um dort zu leben und schreibt hier über ihre Erfahrungen, mit Schwerpunkt auf der Sprache.

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