Eine ganz gewöhnliche Beziehung – Geir Gulliksen: Geschichte einer Ehe

Eine Ehe ist gescheitert. Das Paar ist schon lange zusammen, sie haben zwei Söhne, sind zufrieden, lassen sich Freiräume. Sie mögen und lieben sich, verstehen sich auch sexuell hervorragend. Und dann irgendwann passiert etwas und die Ehe zerbricht. Darum und um die Frage, wieso dies geschehen ist, geht es in „Geschichte einer Ehe“ des Norwegers Geir Gulliksen.

Erzählt wird aus der Sicht des Ehemannes. Er erzählt, wie es war, als er und seine Frau zusammenkamen. Beide noch recht jung, er verheiratet und mit noch sehr kleiner Tochter. Frau und Kind verließ er für seine neue Liebe, sah sich kaum um, benahm sich gegenüber seiner Familie kalt. Sah nur die neue Frau, mit der er zusammen sein wollte. Wenn er dann davon berichtet, wie seine Exfrau ihm am Ende nur eines mit auf den Weg gab, nämlich den Wunsch, er möge eines Tages genauso verlassen werden wie er sie verlassen habe, dann ahnt man als Leser schon, dass dieser Wunsch im Raum stehen bleiben, über dem Text schweben wird. Und verstehen kann ihn auch, diesen Wunsch der Verlassenen.

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Ganz nach unten – Demian Lienhard: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

Ich bin mir schon beim Titel unsicher: Ist das nun kreativ und originell? Oder eher lahm, abgedroschen, sagt heute ja auch keiner mehr? Okay, die Geschichte spielt in den 80er und 90er Jahren, vielleicht hat man das da ja noch gesagt und fand es nicht lahm, sondern fing damit ein Lebensgefühl ein. Eines, das auch in diesem Roman eingefangen werden sollte? Ich weiß es nicht. Dieses Buch zu lesen, war verwirrend. Es war nicht anstrengend, es war nicht langweilig, es war eher ein immer größer werdendes Fragezeichen, das sich in meinem Kopf breit machte. Es war faszinierend. Was soll das alles? Was will der Autor mir sagen? Okay, er muss mir nichts sagen. Oder, wie der Satz bei Alba vielleicht aussähe: Jedenfalls, er muss mir nichts sagen.

Aber nein, ich werde hier nicht versuchen, den Ton nachzuahmen, der das Buch durchzieht. Das wäre erst recht lahm und es würde mir auch nicht gelingen – was schon mal für den Roman spricht, denn den Ton, den trifft er wirklich, der Autor. Und den hält er durch, und das, ich weiß nicht, ob man es unbedingt betonen muss, obwohl er erstens komplett aus weiblicher Sicht schreibt und zweitens eine Zeit heraufbeschwört, die er nicht selbst erlebt hat. Demian Lienhard ist Jahrgang 1987, wurde also quasi irgendwann zu der Zeit, als seine Geschichte spielt, die er erzählt, geboren.

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Der letzte Wille – Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger

„Würde kostet fast achttausend Euro, Lorenz!“, sagte Hedi scharf. S. 150

Würde, die hätte Lorenz, seines Zeichens erfolgloser Schauspieler Anfang 30, gern für seinen soeben gestorbenen Onkel Willi. Doch weder er noch seine Tanten haben so viel Geld, obwohl Willi selbst gespart hatte, damit seine Familie ihm seinen letzten Wunsch erfüllen könnte: Ein Grab in Montenegro, seiner alten Heimat. Das Geld ist weg, Willis Frau Hedi hat es der gemeinsamen Tochter für deren veganen Onlineshop gegeben. Und so beschließen Hedi und ihre ebenfalls betagten Schwestern Wetti und Mirl, dass sie Willis Leichnam einfach selbst überführen. Mit Hilfe eines befreundeten Fleischers frieren sie den Onkel kurzerhand ein, verfrachten ihn dann auf den Beifahrersitz und machen sich auf die lange Autofahrt, immer in der Angst, erwischt zu werden.

So viel zu den Ereignissen in der Gegenwart, die allein wohl einen eher kurzen Roman mit Slapstickelementen ergeben hätten. Einen Roman, der an seiner überdrehten, überkandidelten Idee leicht hätte scheitern können. Zum Glück erfahren wir aber in wohldosierten Rückblenden so ziemlich alles Entscheidende aus der Vergangenheit der Protagonisten. Darüber, warum Hedi einst glaubte, ins Kloster gehen zu müssen, bevor sie später auf Willi traf. Wie die stets perfekt angezogene und herausgeputzte Mirl Schürzenjäger Gottfried kennenlernte, der sich nicht nur für ihr „Popscherl“, sondern vor allem für die anderer Frauen interessierte, während sie sich in Brieffreundschaften zu Gefängnisinsassen flüchtete. Und wir lesen über die Einzelgängerin Wetti, die sich vor allem für Tiere und Pflanzen interessiert und alles erst einmal von der logischen Seite anzugehen versucht, da sie Gefühlen nicht recht traut. Lorenz ist der Sohn des Bruders der drei Frauen, und die Tanten sind der Meinung, dass Sepp ihn viel zu sehr verhätschelt hat, was zu der handfesten Krise, in der der sich gerade befindet, beigetragen hat. Lorenz ist (nicht unverschuldet) vorerst Job und Freundin los und hat also sicher nichts Besseres zu tun, als den Tanten zu helfen, Willis letzten Wunsch zu erfüllen. Die haben zwar alle einmal den Führerschein gemacht, selbst gefahren sind sie aber nie.

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Verlorene Tochter, entfremdete Eltern – Doris Knecht: weg

Charlotte ist weg. Seit einiger Zeit reagiert sie nicht mehr auf Anrufe und Nachrichten, die vor allem von ihrer Mutter Heidi kommen. Heidi, die stets in Sorge um Lotte ist, weil diese eine Vorgeschichte hat, weil sie bereits wegen psychischer Probleme in Behandlung war. Von Charlottes Vater Georg ist Heidi schon lange getrennt, schnell erkannten sie damals, vor etwas mehr als zwanzig Jahren, dass sie eigentlich nichts gemeinsam hatten, dass es vor allem eine große körperliche Anziehung war, die sie verband. Und so nahm Heidi die kleine Tochter und ging.

Wäre Charlotte nicht, so hätten die beiden wohl längst keinen Kontakt mehr. Beide haben neue Familien, Heidi lebt beschaulich in der Nähe von Frankfurt, Georg auf einem Landgasthof in Österreich. Jetzt brechen beide aus ihrem Leben aus, zwangsläufig. Denn Charlotte soll angeblich in Vietnam sein und es gibt Anzeichen dafür, dass es ihr nicht gut geht, so viel erfährt Heidi von Freunden der Tochter. Also fliegen Heidi und Georg nach Asien, um dieses Kind zu suchen, das schon länger keines mehr ist und das das einzige ist, was sie überhaupt verbindet.

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Am liebsten verschwinden – Ottessa Moshfegh: Eileen

Sympathische Charaktere sind Ottessa Moshfeghs Sache nicht. In ihrem neuesten Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“, der letztes Jahr zu meinen absoluten Highlights gehörte, stand eine junge Frau im Mittelpunkt, die gut aussah, keine Geldprobleme hatte, aber dennoch ständig genervt war und nichts wollte, außer der Welt zu entfliehen, indem sie sich selbst in einen Winterschlaf versetzte. Ein abgefahrenes Buch, das ich nicht müde werde, zu empfehlen.

Auch Eileen, die Hauptfigur aus Moshfeghs zweitem Roman „Eileen“, der 2015 erschien, ist alles andere als eine Sympathieträgerin. Sie ist Mitte 20, unscheinbar und dünn, ungepflegt und voller Selbsthass, völlig ohne Empathie für ihre Mitmenschen. Sie arbeitet in einer Justizvollzugsanstalt für minderjährige Jungen. Es sind die 60er Jahre. Eileen interessiert sich nicht für sie, denkt schlecht von ihren Kolleginnen und auch sonst so ziemlich jedem und sie träumt davon, ihre Arbeit, aber auch ihr zu Hause für immer hinter sich zu lassen. Ihre Mutter ist tot, der Vater Alkoholiker. Mit ihm lebt sie in einem heruntergekommen Haus, versorgt ihn mit Nachschub, lässt sich von ihm quälen und träumt davon, wie er zu Tode kommen könnte. Weitere Träume befassen sich mit dem Wärter Randy aus dem Gefängnis, den sie aus der Ferne anschmachtet und dem sie hinterher spioniert, dem sie aber nie Avancen machen würde, da sie sicher ist, dass er sich nie für sie interessieren würde. Ein ziemlich trostloses Leben also und eine Protagonistin, die man als Leser nur verachten kann – während sie gleichzeitig doch auch irgendwie fasziniert.

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