Der zerrissene Kontinent – Yasmina Khadra: Die Landkarte der Finsternis

Yasmina Khadra ist ein Pseudonym, unter dem der algerische Autor Mohammed Moulessehoul zu schreiben begann, als die Zensur ihn zwang, seine wahre Identität zu verschleiern, da er ein hoher Offizier in der algerischen Armee war. Inzwischen ist das Geheimnis um ihn längst gelüftet und er lebt seit dem Jahr 2000 in Frankreich, jedoch entschied er sich, das Pseudonym, das aus zwei Vornamen seiner Frau besteht, ihr zu Ehren beizubehalten.

In seinem Roman „Die Landkarte der Finsternis“ erzählt er die Geschichte von Kurt Krausmann, der ein gutbürgerliches Leben als Arzt in Frankfurt führt. Als seine Frau, im Roman stets als seine „große Liebe“ betitelt, stirbt, fällt er in ein tiefes Loch und verliert seinen Lebensmut. Sein alter Freund Hans, selbst schon seit längerer Zeit Witwer, überredet ihn, ihn auf seiner Segelyacht in Richtung Komoren zu begleiten. Hans ist oft in Afrika, wo er humanitäre Arbeit leistet. Eines Nachts werden sie überfallen und von Piraten entführt. Eine zermürbende Zeit in den Händen der Entführer beginnt, in der sie immer wieder an andere Orte gebracht werden und schließlich auf den Franzosen Bruno treffen, der seinerseits schon länger in den Händen der Entführer ist. Bruno lebt schon lange in Afrika und liebt das Land sehr – auch seine Situation als Geisel kann daran nichts ändern.

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In anderen Worten – Jhumpa Lahiri: In altre Parole / In other words

Als ich vor wenigen Wochen in Italien war, passierte es mir fast jedes Mal, wenn ich jemanden auf Italienisch ansprach, dass man mir auf Deutsch antwortete. Selbst als sich eine kurze Konservation auf Italienisch entsponnen hatte, wechselte mein Gegenüber prompt ins Deutsche, als ich bestätigte, Deutsche zu sein – obwohl ich bis zu diesem Punkt sprachlich recht gut zurechtgekommen war. Bei anderen Gelegenheiten geriet ich schneller ins Stocken – meine Sprachkenntnisse sind ein wenig verkümmert – hier passierte es umso schneller: Sofort wechselte man ins Deutsche, oder wenn mein Gesprächspartner kein Deutsch sprach, ins Englische.

Jhumpa Lahiri erzählt in ihrem Buch „In altre parole“, das bei uns in deutscher Übersetzung im Herbst erscheinen wird, von ähnlichen Begebenheiten. Als sie ihre Aufzeichnungen zu Papier brachte, lebte sie seit kurzem in Italien – sie schrieb auf Italienisch, obwohl sie die Sprache keineswegs perfekt beherrschte. Wenn sie ein Geschäft betrat, sprach man sie aufgrund ihrer Erscheinung auf Englisch an. Stellte sie eine Frage auf Italienisch, wurde ihr auf Englisch geantwortet. Ihrem Ehemann dagegen, der seiner Erscheinung nach Italiener sein könnte, passiert das nicht, im Gegenteil: Man fragt Lahiri stattdessen, ob sie die Muttersprache ihres Mannes gelernt habe.

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Tagebuch und Zeitzeugnis – Hisham Matar: Die Rückkehr

„Wir brauchen einen Vater, gegen den wir uns auflehnen können. Wenn ein Vater weder tot noch lebendig ist, wenn er ein Geist ist, stößt die Auflehnung ins Leere.“ S. 42

Dieses Zitat, das noch ziemlich am Anfang von Hishams Matars Buch „Die Rückkehr“ steht, ist nur ein Gedanke von vielen, mit denen der Autor in Worte fasst, was es für ihn bedeutet, nicht nur seinen Vater verloren zu haben, sondern vor allem, nicht zu wissen, was genau mit ihm geschehen ist. Jaballa Matar war libyscher Diplomat und Politiker, ging dann in den Widerstand gegen das Regime Gaddafis und wurde schließlich im Jahr 1990 in Kairo, wo die Familie zu der Zeit lebte, entführt. Man brachte ihn das berüchtigte Gefängnis Abu Salim in Tripolis, von wo aus er in den ersten Jahren noch Briefe an seine Familie schreiben konnte. Hisham Matar, seine Mutter und sein Bruder haben seit 1996 nichts mehr von ihm gehört, seit diesem Zeitpunkt gibt es kein Lebenszeichen.

Während Hisham Matar zum Schriftsteller wird, zwei erfolgreiche Romane veröffentlicht, ein Leben in verschiedenen Ländern lebt, bleibt immer die Frage nach dem Schicksal seines Vaters. Ist er längst tot? Oder könnte es sein, dass er noch lebt? Matar gibt die Suche nicht auf und reist im Jahr 2012 nach dem Sturz Gaddafis mit seiner Mutter und seiner Frau in seine libysche Heimat. Seit vielen Jahren ist er nicht mehr dort gewesen. Auf der Suche nach Antworten auf seine quälenden Fragen trifft er Familienangehörige, ehemalige Mitgefangene des Vaters, nimmt letztendlich sogar Kontakt mit Verwandten Gaddafis auf, verhandelt mit ihnen, in der Hoffnung, endlich Gewissheit zu bekommen. Am Ende stehen Wahrscheinlichkeiten, eindeutige Antworten soll es nicht geben.

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Krimi trifft Familienroman – Isabel Allende: Amandas Suche

Man hat ein wenig das Gefühl, man müsse sich rechtfertigen, wenn man Romane von Isabel Allende mag. Eine schnelle Internetrecherche bekräftigt meinen Eindruck. Da ist zu lesen, sie werde von der Literaturkritik mal ernstgenommen und mal nicht, sie werde gern mit Gabriel Garcia Marquez verglichen, doch stets mit der sogleich nachgeschobenen Einschränkung, sie sei aber nicht so gut. Ihr zuletzt erschienener Roman „Der japanische Liebhaber“ kam meiner  Empfindung nach deutlich schlechter an als die meisten ihrer anderen Romane, und er stand oder steht nicht auf meiner Leseliste. Ich habe den Vorgänger gelesen: Amandas Suche, ein Roman, dessen Titel gleich Parallelen erwarten lässt zu dem Roman, der vor diesem erschien: Majas Tagebuch. Hier wie dort ein junges Mädchen, ein Teenager im Titel und also als Hauptfigur im jeweiligen Roman, um die sich die jeweilige Geschichte entfaltet, die dann aber doch in beiden Romanen unterschiedlich ausfällt. Handelte es sich bei Majas Tagebuch um die Entwicklung einer jungen Frau, die den Weg aus einer Jugend voller Drogen und Alkohol zu finden versucht, eine Coming-of-Age-Geschichte also, ist Amandas Suche eher ein Krimi – oder doch ein Roman mit sehr starken Krimielementen.

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Seine Familie kann man sich nicht aussuchen – J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine

Die Kellehers besitzen seit vielen Jahren ein Sommerhaus in Maine, das Familienoberhaupt Daniel eher zufällig in die Hände gefallen war. Die Familie verbrachte jedes Jahr die Sommer dort draußen, mit dem Strand vor der Tür. Inzwischen hat sich einiges geändert: Daniel ist bereits seit 10 Jahren tot, Alice, seine Witwe, lebt seitdem allein. Ihre Kinder, längst erwachsen und selbst schon an der Schwelle zum Alter, haben die Sommermonate unter sich aufgeteilt, damit die alte Dame nicht zu viel Zeit allein verbringen muss – was sie im übrigen Jahr ohnehin tut, aber im Sommer und im Sommerhaus ist das etwas anderes, so sagt man sich. Alice und Daniel haben zwei Töchter und einen Sohn, die ihrerseits ebenfalls alle Kinder und teilweise schon Enkelkinder haben.

Courtney Sullivans Roman „Sommer in Maine“ konzentriert sich auf vier Frauen aus dieser Familie: Zunächst ist da die betagte Alice, die aus ihrem wahren Alter ein Geheimnis macht (der Leser weiß, dass sie etwas über 80 ist). Ihre Tochter Kathleen ist nach ihrer Scheidung mit ihrem neuen Lebenspartner nach Kalifornien gezogen, wo die beiden eine Würmerfarm betreiben. Die anderen Familienmitglieder blicken teils verächtlich auf diese Art des Broterwerbs herab. Kathleens Verhältnis zu ihrer Mutter ist sehr schwierig und sie bedauert es nicht, so viele Kilometer zwischen sich und Alice gebracht zu haben. Im Sommerhaus war sie zum Zeitpunkt des Einsetzens der Handlung seit zehn Jahren nicht mehr, nämlich seit dem Tod des Vaters. Kathleens Tochter Maggie versucht, als Schriftstellerin Fuß zu fassen und lebt in einer unglücklichen Beziehung, die droht, endgültig zu zerbrechen, als Maggie endlich mit ihrem Freund Gabe zusammenziehen will, dieser aber seine Freiheit nicht aufgeben möchte. Und Ann Marie, Ehefrau von Alices und Daniels einzigem Sohn Pat und somit Kathleens Schwägerin, hat eine bessere Beziehung zu Alice als deren eigenen Töchter, sieht sich aber auch als diejenige, die eigentlich deren Aufgaben übernimmt, während Kathleen und ihre Schwester Clare sich ihrer Meinung nach aus der Affäre ziehen.

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