Weggehen und Ankommen – Dina Nayeri: Drei sind ein Dorf

Nilou floh als Kind mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus dem Iran in die USA. Die Mutter hatte sich dem Christentum zugewandt und war im Iran nicht mehr sicher. Sie und der Vater beschlossen, dass sie mit den Kindern gehen würde, während er zurückblieb. Inzwischen hat Nilou viel erreicht: Sie studierte an einer Eliteuniversität und macht Karriere, sie heiratete einen erfolgreichen Juristen. Sie lebt nun in Amsterdam, hat keine iranischen Freunde, sondern sich dem westlichen Leben weitgehend angepasst, sozusagen versucht, darin aufzugehen. Doch sie beginnt zu spüren, dass sie ihre Wurzeln nicht einfach verleugnen kann, sie sehnt sich nach etwas, das sie nicht recht benennen kann.

Es hat mit ihrem Vater zu tun, mit Brahman, der im Iran blieb und noch zwei weitere Male geheiratet hat. Beide Ehen verliefen unglücklich. Nilou und ihr Bruder Kian haben den Vater, seitdem sie emigrierten, insgesamt nur viermal getroffen. Brahman ist ein heimatverbundener opiumsüchtiger stolzer Mann, der seine Kinder liebt und vermisst, doch die Beziehung zwischen ihnen ist schwierig. Bei ihren kurzen Treffen spüren alle Beteiligten, dass sie die Zeit ohne einander nicht ignorieren oder wegreden können, dass es nicht möglich ist, da anzuknüpfen, wo das gemeinsame Leben geendet hat. Nilou ist nicht mehr das zehnjährige Kind, Brahman nicht der noch junge Mann, der er war, als seine Familie ging. Nilou fühlt sich nach den Treffen mit dem Vater schlecht und leer, und sie verachtet ihn für seine Opiumsucht. Daher reagiert sie auch nicht auf seine Kontaktversuche im Jahr 2009, als Brahman sie treffen und um Hilfe bitten will.

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Deutscher Buchpreis 2018: Spekulationen zur Longlist – gnadenlos subjektiv

2018 erscheint es mir besonders spannend, warum, kann ich nicht einmal sagen, vielleicht, weil ich den Eindruck habe, dass in diesem Jahr viele interessante Romane deutschsprachiger Autoren erschienen sind und noch erscheinen werden. Jedenfalls fiebere ich der Longlist mit Spannung entgegen. Wie immer hoffe ich, bestimmte Autoren und Werke auf der Liste zu finden und vielleicht die eine oder andere Lektüreanregung zu bekommen. Die ganze Liste zu lesen ist dabei nicht mein Vorsatz, immer öfter stelle ich fest, dass ich mit meiner Buchauswahl dann am ehesten richtig liege, wenn ich nach Bauchgefühl entscheide.

Aus dem Frühjahrsprogramm gelesen und auf dem Blog besprochen habe ich bereits den neuen Roman von Norbert Gstrein, „Die kommenden Jahre“, den ich mir gut auf der Liste vorstellen kann. Esther Kinskys „Hain“ ist prädestiniert für die Buchpreisliste, auch wenn ich persönlich mit ihrem Roman nicht so viel anfangen konnte. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat Kinsky schon gewonnen. Herausragend ist Anja Kampmanns Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“, dem ich die Nominierung sehr wünsche, und auch über Rainer Merkels „Stadt ohne Gott“ würde ich mich freuen – ein Roman, der insgesamt viel zu wenig Beachtung gefunden hat, zumindest habe ich das so empfunden.

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Liebe, Tod und Leichtfüßigkeit – Christina Hesselholdt: Gefährten

Die „Gefährten“, das sind sechs Kopenhagener Freunde irgendwo in ihren Vierzigern. Camilla, Charles, Alma, Kristian, Alwilda und Edward sind mit einander verbandelt und befreundet, kennen sich schon ihr halbes Leben oder erst seit wenigen Jahren. Alma und Camilla zum Beispiel waren schon als junge Mädchen eng befreundet und blicken auf viele gemeinsame Erinnerungen zurück, vor allem auf gemeinsame Reisen. Edward und Alwilda waren ein Paar, doch sie verließ ihn, und nachdem seine Eltern starben – sie begangen in ihrem Schlafzimmer gemeinsam Selbstmord – zog Edward in das Elternhaus ein und schaffte sich einen Hund an. Camilla und Charles waren zu Beginn ihrer Beziehung so heftig ineinander verliebt, dass sie die Außenwelt komplett ausblendeten, doch Charles wurde krank, was das gemeinsame Leben schwer belastete.

Im Roman der dänischen Autorin Christina Hesselholdt lesen wir vom Leben dieser sechs Freunde in Episoden, in Monologen der einzelnen Figuren, die oftmals auf den ersten Blick ein wenig wirr daherkommen, da sie ihre Gedanken nicht etwa ordnen, sondern sie ungefiltert an den Leser weitergeben. Da gibt es Gedankensprünge in die Vergangenheit und zu Begebenheiten, die ihnen spontan in den Sinn kommen, alles mit dem Ziel, sich selbst und das Erlebte besser zu verstehen. Wir folgen keiner chronologischen Handlung oder einem Erzähler, der die Geschichte für den Leser aufbereitet, vielmehr werden wir hineingeworfen in diesen sehr lebendigen Freundschaftsclub, in das, was die sechs beschäftigt.

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Abschied vom Vater – Linn Ullmann: Die Unruhigen

Eine Tochter und ein Vater wollen ein Buch schreiben. Ein Buch über das Älterwerden. Sie setzen sich zusammen und reden, das Tonband läuft mit. Doch sie haben sich zu viel Zeit gelassen: Es entstehen nur sehr wenige Aufnahmen, bis der Vater nicht mehr in der Lage ist, zusammenhängend zu sprechen, bis er sich nicht mehr genug konzentrieren kann. Wenig später stirbt er. Die Tochter bleibt mit sechs Tonbandaufzeichnungen zurück, die sie lange Zeit nicht anhört, nicht anhören kann. Die sie dann verlegt, erst Jahre später wieder hervorholt. Und sich dann doch noch, auf andere Weise damit auseinandersetzt und zu einem Buch verarbeitet.

Der Vater ist Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergmann, die Tochter Schriftstellerin Linn Ullmann. Jedoch fallen weder ihre Namen, noch der von Liv Ullmann, der Mutter von Linn. Und „Die Unruhigen“ ist ein Roman, ein Umstand, den man während der Lektüre immer wieder vergisst, denn all die anderen Personen werden namentlich genannt, Orte und Begebenheiten stimmen, soweit das nachvollziehbar ist. Doch als Leser kann man nicht wissen, wie viel dessen, was Ullmann schildert, genauso geschehen ist, wo sie sich schriftstellerische Freiheiten nahm.

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Liebe allein – Ayòbámi Adébáyò: Bleib bei mir

Wir befinden uns in Nigeria in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Yejide und ihr Mann Akin gehören dem Volk der Aruba an. Traditionen sind hier sehr wichtig, die Ehre einer Familie ebenso. Wichtig ist auch, dass eine Frau Kinder bekommt, ja, ohne Kinder ist sie eigentlich keine vollständige Frau. Auch Yejide und Akin wünschen sich Kinder, Yejide wird aber auch nach ein paar Jahren Ehe nicht schwanger. Akins Mutter beschließt, dass es so nicht weitergehen kann, dass ihr Sohn Vater werden muss und setzt Yejide eines Tages die junge Funmi vor die Nase, die Akins Zweitfrau werden soll. Yejide und Akin hatten sich eigentlich gegen die traditionelle Vielehe entschieden, doch die Familie setzt sich durch. Yejide hofft, doch noch schnell schwanger zu werden, damit sie Funmi vielleicht wieder loswerden können, doch so einfach ist das leider nicht.

Diese Ausgangssituation in Ayòbámi Adébáyòs Debütroman „Bleib bei mir“, der soeben im Piper Verlag erschienen ist, ist auch der Einblick in die Geschichte, die der Klappentext und die Buchbeschreibung liefern. An dieser Beschreibung ist erst einmal nichts falsch, sie verkürzt das Thema des Romans aber sehr, denn es geht um viel mehr als diese zweite Frau, die weder Yejide noch Akin wirklich bei sich haben wollen.

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